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Arno Helmberg's HOMEPAGE
SKRIPTEN:
-Herz und Kreislauf
-Ernährung & Verdauung
-Leberfunktionsstörungen
-Krebsentstehung
-Knochen-Stoffwechsel
INHALT DIESER SEITE:
1.Nicht-adaptive
Abwehr
1.1. Komplementsystem
1.2. Gerinnung,
Kinine
1.3. Zelluläre
Aktivierung
1.4. Vasoaktive Amine
1.5. Lysosomale
Enzyme
1.6. Prostaglandine
1.7. PAF
1.8.
Sauerstoffderivate
1.9. NO
1.10. Zytokine,
Chemokine
1.11. TNFα
Nicht-adaptive
Abwehr
gegen Viren:
1.12. Interferon
1.13. NK-Zellen
2. Adaptive Immunantwort
2.1. Antikörper
2.2. Antikörper-Nutzen
2.3. Antikörperklassen
2.4. Serumdiagnostik
2.5. Entstehung der Vielfalt
2.6. Schädliche
Antikörper
2.7. T-Zell-Hilfe
2.8. Organe des IS
2.9. T-Zell-Rezeptor
2.10.MHC
2.11.Thymus-Selektion
2.12.T-Helferzellen Typ 2
2.13.T-Helferzellen Typ 1
2.14.T-Helferzellen Typ 17
2.15.Zytotoxische T-Zellen
2.16. Regulator. T-Zellen
2.17. γ:δ-T-Zellen
2.18. FACS-Diagnostik
2.19. Lokale Immunität
2.20. memory cells
3. Impfung
-Polio-Impfung
-Masern-Impfung
-Konjugat-Impfstoff
4. Versagen der Abwehr
4.1. Genetische Ursachen
-SCID
-Antikörper-Defizienz
-Phagozytose-, C-Defekte
4.2. HIV / AIDS
4.3.
Grabenkämpfe
-Influenza
4.4. Immunsuppression
5.
Schädigung durch das Immunsystem
5.1.Allergie-Autoimmunität
-Typ I
-Typ II
-Typ III
-Typ IV
-Typ V
5.2.Autoimmunkrankheiten
5.3.Transplantatabstoßung
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IMMUNSYSTEM UND IMMUNOLOGIE
Dieses Skript ist eine Lernhilfe zu meiner
Vorlesung im Modul "Infektion, Immunologie und Allergologie"
an der Medizinischen Universität Innsbruck. Es steht auch in einer
pdf-Version sowie in einer Englischen
Version zur Verfügung.
Version
4.1 ©Arno Helmberg 2000-2011
Jeder
Organismus, also auch der menschliche, ist eine an sich unwahrscheinliche
Ansammlung energiereicher organischer Verbindungen, der sich daher
ständig gegen Versuche der Umwelt, ihn als "Futter" zu verwenden,
zur Wehr setzen muss. Die Fähigkeit, solchen Versuchen etwas entgegenzusetzen,
ergibt automatisch einen Selektionsvorteil. In der Evolution hat diese
Auseinandersetzung seit der Entwicklung vielzelliger Organismen zu
hochkomplexen Abwehrsystemen geführt.
Das Grundproblem: Was wehre ich ab?
Ein grundsätzliches Problem besteht darin, zu
unterscheiden zwischen dem, was abgewehrt werden muss –im Idealfall
alles, was eine Gefahr darstellt— und dem, was nicht abgewehrt zu
werden braucht oder nicht abgewehrt werden darf –Zellen und Strukturen
des eigenen Organismus. Dieses Problem ist nicht trivial, bestehen
doch "gefährliche" Angreifer wie Viren, Bakterien oder Parasiten
aus den selben Molekülarten wie der menschliche Organismus.
Schon früh in der Evolution entwickelten einfache
mehrzellige Lebewesen ein Abwehrsystem, das durch die Erkennung von
molekularen Mustern, die für Pathogene oder für untergehende Zellen
typisch sind, aktiviert wird. Dieses Abwehrsystem benützt auch der
Mensch. Es ist angeboren, bei jedem Individuum gleich, sofort verfügbar
und damit in der Lage, eine Infektion im besten Fall im Keim zu ersticken
oder im schlechtesten Fall zumindest einige Tage in Schach zu halten.
Wir sind auf dieses "alte" System absolut angewiesen: mikrobielle
Bedrohungen haben so hohe Fortpflanzungsraten, dass wir bereits tot
wären, vor das zweite, evolutionär jüngere System, in Schwung kommt.
Die effizientesten Abwehrmaßnahmen des menschlichen
Organismus –wir sprechen von einer adaptiven Immunantwort— bestehen
aus einer maßgeschneiderten Antwort auf das jeweilige Pathogen. Maßschneidern
braucht Zeit, daher steht dieses System in den ersten Tagen einer
Infektion nicht zur Verfügung. Diese Immunmechanismen bekämpfen biologisches
Material, das innerhalb des eigenen Organismus gefunden wird, aber
"fremd" ist. "Fremd" ist meist, aber nicht immer
gleichbedeutend mit "gefährlich", doch ist eine Unterscheidung
"fremd-selbst" technisch einfacher zu treffen als eine Unterscheidung
"gefährlich-ungefährlich". Das liegt daran, dass unser Immunsystem
lernen kann, was "Selbst" ist; alles andere wird mit Misstrauen
beäugt. Als Hilfskriterium zur Einschätzung der Gefährlichkeit wird
die Aktivierung des ersten, angeborenen Systems herangezogen.
1.
DIE FRÜHE, NICHT-ADAPTIVE ABWEHRREAKTION
An den nicht-adaptiven
Abwehrmechanismen sind zahlreiche Plasmaprotein- und zelluläre Systeme
beteiligt:
Plasmaproteinsysteme:
·
Komplementsystem
·
Gerinnungs/Fibrinolysesystem
·
Kinin-System
Zelluläre Elemente:
·
Neutrophile Granulozyten
·
Mastzellen
·
Thrombozyten
·
Endothelzellen
·
Makrophagen und dendritische
Zellen
·
NK-Zellen
Die verschiedenen beteiligten Zellen verwenden
ihrerseits wieder molekulare Systeme, um zur Abwehr beizutragen. Viele
dieser Systeme werden von mehreren der erwähnten Zellarten verwendet.
Viele der benützten Moleküle, werden als "Entzündungsmediatoren"
bezeichnet. Das Endziel dieser Moleküle ist natürlich nicht die Entzündung,
sondern die Abwehr. Entzündung ist nur ein Übergangszustand, der eine
erfolgreiche Abwehr ermöglichen soll. Die Funktionen dieser Moleküle
überlappen sehr stark. Organismen mit Backup-Systemen für Backup-Systeme
für Backup-Systeme wurden in der Evolution offensichtlich bevorzugt.
Zelluläre Abwehr-Teilsysteme / "Entzündungsmediatoren":
Präformierte Moleküle: gespeichert in Granula, bei Bedarf ausgeschüttet:
·
Vasoaktive Amine: Histamin,
Serotonin
·
Lysosomale Enzyme
Neusynthetisierte Moleküle:
·
Prostaglandine und Leukotriene
·
Plättchenaktivierender Faktor
·
aktive Sauerstoffverbindungen
·
NO
·
Zytokine
·
Typ-I-Interferone
1.1 Komplementsystem
Das Komplementsystem ist ein Abwehrmechanismus
gegen bakterielle Infektionen. Es trägt auf mehreren Wegen zu dieser
Abwehr bei. Es hat eine rudimentäre "Erkennungsfunktion"
für Bakterien, ruft chemotaktisch Phagozyten herbei, macht Bakterien besser für Phagozyten erkennbar und
verstärkt damit die Phagozytose und kann manchmal auch ohne zelluläre
Hilfe Bakterien direkt lysieren.
Es gibt mindestens drei Wege, durch die Komplement
aktiviert werden kann. Die entwicklungsgeschichtlich älteren Wege
sind der "alternative" Weg und der Lektinweg. Beide werden
direkt im Zusammenspiel mit bakteriellen Oberflächen aktiviert. Der
entwicklungsgeschichtlich jüngste Weg wird durch Antigen-Antikörper-Komplexe
in Gang gesetzt. Da er als erster entdeckt wurde, hat er ungerechterweise
die Bezeichnung "klassischer Weg" erhalten.
Der alternative Weg der Komplementaktivierung
beginnt mit einer spontanen Umwandlung des Plasmaproteins C3 zu C3(H2O)
durch hydrolytische Spaltung einer internen Thioesterbindung. Die
geänderte Konformation von C3(H2O) erlaubt die Anlagerung
des Plasmaproteins Faktor B, der durch die Plasmaprotease Faktor D
zu Ba und Bb gespalten wird. Ba diffundiert ab; der Komplex C3(H2O)Bb
ist eine lösliche C3-Konvertase, die nun eine Reihe von C3-Molekülen
zum kleinen, diffusiblen C3a
und zum größeren C3b spaltet. Entsteht dieses C3b weit weg von der
nächsten Zellmembran, wird es rasch inaktiviert. Entsteht es in der
Nähe der Oberfläche einer bakteriellen oder zellulären Membran, heftet
es sich kovalent an diese an. Der vorher beschriebene Prozess wiederholt
sich nun auf der Membran: Anlagerung von B, Spaltung durch Faktor
D. Die weitere Entwicklung hängt davon ab, ob es sich um eine eigene
Zellmembran oder eine bakterielle Oberfläche handelt. Auf menschlichen
Zellmembranen verhindern mehrere hemmend wirkende Moleküle, dass der
Aktivierungsprozess fortschreitet. Auf einer bakteriellen Membran
jedoch läuft das Programm ungehindert ab. Faktor P (Properdin) stabilisiert
die aus C3bBb bestehende C3-Konvertase des alternativen Wegs, die
nun als Verstärker wirkt, indem sie viele C3-Moleküle spaltet. Das
abgelagerte C3b hat zwei Funktionen: es wirkt opsonisierend (macht
das Partikel zu einem "Leckerbissen" für Phagozyten) und
es leitet die Konstruktion einer Membranpore durch Aktivierung der
Faktoren C5 bis C9 ein. Solche Poren in bakteriellen oder zellulären
Membranen können zur Lyse führen. C3b und die von C3b abgeleiteten
Spaltprodukte C3d, C3dg und C3bi, werden von Komplementrezeptoren
(CR1 bis CR4) auf Phagozyten erkannt und führen zu einer beschleunigten
Phagozytose der Erreger.
Die kleineren Spaltprodukte des Komplementsystems
haben ebenfalls wichtige Funktionen: C3a, C4a und C5a ("Anaphylatoxine") erhöhen die Gefäßpermeabilität,
führen zur Mastzellausschüttung von Histamin und locken Phagozyten
an. Sie leiten damit eine Entzündung ein und sorgen für raschen
Nachschub an Komplementfaktoren und Entzündungszellen im interstitiellen
Raum.
Der Lektinweg der Komplementaktivierung beruht
auf der Tatsache, dass Mannose häufig der letzte Zucker der Kohlehydratketten
auf Bakterien ist. Ein Plasmaprotein, MBL (mannanbindendes Lektin;
Lektine sind Zucker-bindende Proteine), bindet an Mannose, gefolgt
von der Aktivierung der Proteasen MASP-1 und MASP-2 (MASP= MBL associated serine protease; die beiden Moleküle ähneln C1r und
C1q). Diese spalten die Komplementkomponenten C4 und C2 und generieren
damit einen zweiten Typ der C3-Konvertase, der aus C4b und C2b besteht.
Der weitere Ablauf ist ident mit dem des alternativen Weges.
Der klassische Weg der Komplementaktivierung
beginnt in der Regel mit der Bindung der Komponente C1q durch Antikörper
in Immunkomplexen. Eine Konformationsänderung führt zur sequentiellen
Anlagerung und Spaltung der Serinproteasen C1r und C1s. C1s spaltet
C4 und C2; C4b und C2b bilden die C3-Konvertase des klassischen Weges.
Der klassische Weg kann allerdings auch ohne Antikörper durch das
Plasmaprotein CRP (C-reaktives Protein) gestartet werden, das an bakterielle
Oberfächen bindet und in der Lage ist, C1q zu aktivieren.
Pharmakologische
Querverstrebung:
der humanisierte monoklonale Antikörper Eculizumab inaktiviert Komplementkomponente
C5 und hemmt damit die lytische Endstrecke der Komplementaktivierung.
Dies ist vor allem nützlich, wenn eine ungewollte Komplementaktivierung
zur Hämolyse führt, wie bei der nächtlichen paroxysmalen Hämoglobinurie
oder bei manchen Formen des hämolytisch-urämischen Syndroms.
1.2 Gerinnungs/Fibrinolysesystem
und Kininsystem
Gerinnungs- und Kininsystem werden oft gleichzeitig
in Gang gebracht durch den Mechanismus der Kontaktaktivierung. Kontaktaktivierung
erfolgt, wenn ein Komplex aus drei Startmolekülen dieser Systeme mit
negativ geladenen Oberflächen in Kontakt kommen. Das können bei einer
Verletzung Kollagen, Basalmembran, oder aktivierte Plättchen sein,
oder bei einer Infektion Bestandteile der Bakterienoberfläche.
Die drei Startmoleküle sind Hageman-Faktor (Faktor
XII), HMW-(high molecular weight-)-Kininogen
und Präkallikrein. Hageman-Faktor wird aktiviert, gefolgt von der
gesamten Gerinnungskaskade. Hageman-Faktor spaltet zusätzlich Präkallikrein
zur aktiven Protease Kallikrein, die aus HMW-Kininogen das kleine
Peptid Bradykinin herausschneidet. Bradykinin erhöht die Gefäßpermeabilität,
dilatiert Blutgefäße indirekt über Endothelwirkung aber kontrahiert
nicht-vaskuläre glatte Muskulatur und ist die am stärksten Schmerz
auslösende Substanz. Bradykinin und andere Kinine sind kurzlebig und
werden durch Peptidasen, darunter angiotensin converting enzyme (ACE), gespalten
und damit wieder inaktiviert.
Pharmakologische
Querverstrebung:
zur Blutdrucksenkung eingesetzte ACE-Hemmer haben durch erhöhte Bradykinin-Aktivität
häufig spastische Hustenanfälle als Nebenwirkung.
Der Summeneffekt ist also die Auslösung einer
Entzündung, und die Verlegung von Blutgefäßen. Das ist auch bei einer
Infektion sinnvoll, um die Verschleppung von Erregern mit dem Blut
zu vermeiden. Der Flüssigkeitsstrom wird durch diese Maßnahmen ins
Gewebe und von dort durch die Lymphknoten geleitet. Das hilft, die
Infektion lokal zu begrenzen und erleichtert die Einleitung einer
effizienten adaptiven Immunreaktion.
Die Aktivierung der Plasmaproteinsysteme ist
in vieler Hinsicht eine Voraussetzung für den nächsten Schritt, das
Aktivieren der zellulären Abwehrsysteme. Wie erkennen an der Entzündung
beteiligte Zellen, dass sie aktiv werden sollen?
1.3
Aktivierung von zellulären Elementen, pattern
recognition receptors
Neutrophile
Granulozyten können
viele harmlose Bakterien direkt phagozytieren, nicht jedoch die meisten
Pathogene, die von einer Polysaccharidhülle umgeben sind. Phagozytose
dieser Erreger ist nur nach Opsonisierung durch Komplement, oder später,
nach einer adaptiven Immunantwort, durch die Kombination von Antikörpern
und Komplement, möglich. Wie kommen neutrophile Granulozyten, die
sich ja zunächst im Blut befinden, ins Infektionsgebiet? Chemotaktisch
wirkende Moleküle, z. B. C5a, Leukotrien B4, Makrophagen-Signalmoleküle
wie Chemokin IL-8 oder TNFα sowie Bakterienbestandteile wie LPS
(Lipopolysaccharide) gelangen zu den Endothelzellen der nächstliegenden
Venolen und bewirken dort in einem größeren Gebiet die Neuexpression
von Selektinen, Zell-Zell-Kontaktproteinen mit Affinität für Kohlehydrat-Einheiten.
Schwache Interaktionen zwischen Selektinen und der Sialyl-Lewis-x-Einheit
auf der Oberfläche der Neutrophilen führen zu einem dynamischen "Klettverschluss",
der den Granulozyten der Gefäßwand entlangrollen läßt. Näher dem Kern
des Infektionsgebietes exprimieren die Endothelzellen noch zusätzlich
Zell-Zellkontaktmoleküle aus der Immunglobulin-Superfamilie, wie ICAM-1
und -2 (intercellular adhesion molecule). Diese werden durch Integrine auf
der Zellmembran des neutrophilen Granulozyten gebunden, der dadurch
zu rollen aufhört, fest anheftet und beginnt, sich zwischen den Endothelzellen
durchzuquetschen. Nach der Extravasation wandert der Neutrophile,
dem Gradienten der verschiedenen chemotaktisch wirkenden Moleküle
folgend, ins Zentrum des Infektionsgebiets. Nach der Ausübung ihrer
Funktion gehen neutrophile Granulozyten, durch die Aggressivität ihrer
antibakteriellen Mechanismen ohnehin irreversibel geschädigt, rasch
in Apoptose und werden von Makrophagen beseitigt.
Mastzelldegranulation erfolgt
durch physikalische Reize, wie Verletzung, Hitze, Kälte und mittelbar
nach Komplementaktivierung über C5a. Später, im Rahmen einer adaptiven
Abwehrreaktion, wird Histaminausschüttung durch Quervernetzung von
IgE ausgelöst. Dieser Mechanismus ist die Grundlage der allergischen Reaktionen vom Soforttyp
Makrophagen und dendritische
Zellen exprimieren mehrere Familien von pattern
recognition receptors (PRRs), die Erreger-typische Strukturen,
sogenannte pathogen-associated molecular patterns
(PAMPs) direkt erkennen können. Viele dieser Rezeptoren befinden sich
auf der Zellmembran. Dazu gehört der Mannoserezeptor, der wie das
vorher erwähnte mannanbindende Lektin die Tatsache ausnützt, dass
Bakterienoberflächen oft durch endständige Mannosen charakterisiert
sind.
Die Gruppe der sogenannten Toll-like
receptors (TLRs,
Toll ist der erste beschriebene Rezeptor
dieser Familie, ein Membranrezeptor der Fruchtfliege Drosophila) umfasst Rezeptoren für sehr verschiedene PAMPs. TLR4 oder
LPS-Rezeptor bindet bakterielles Lipopolysaccharid, TLR2/TLR6 bakterielle
Lipopeptide oder Peptidoglykan, TLR9 bakterielle DNA mit anderen als
die für humane DNA typischen CpG-Methylierungen, TLR5 bakterielles
Flagellin und TLR3 virus-typische doppelsträngige RNA.
Zwei weitere Familien von Rezeptoren erkennen
intrazellulär auftretende PAMPS: NOD-like receptors (NLRs) und RIG-like helicases (RLHs). NOD1 und NOD2 erkennen z. B. Peptidoglykan-Bestandteile
aus der bakteriellen Zellwand. NLRs formen bei Aktivierung einen großen
zytoplasmatischen Signal-Proteinkomplex, das Inflammasom, das dazu
beiträgt, die Zelle zu aktivieren und z. B. IL‑1β aus seinem
inaktiven Vorläuferprotein herauszuschneiden. Manche NLRs erkennen
nicht nur PAMPs, sondern auch Produkte, die für sterbende körpereigene
Zellen charakteristisch sind, wie z. B. Harnsäurekristalle als Abbauprodukt
von Purinbasen aus DNA, und stellen damit auch unspezifische Rezeptoren
für die Situation "Gefahr für Zellen" dar. Die zytoplasmatische
RNA-Helicase RIG-I und ihre Verwandten sind hingegen "Virusrezeptoren".
Sie erkennen doppelsträngige virale RNA an einem freien Triphosphat
am 5'‑Ende und werden auch von vielen anderen Zellarten exprimiert.
[Die PRRs sind entwicklungsgeschichtlich sehr
alt. Sie waren offensichtlich ein Hauptwerkzeug in der Auseinandersetzung
zwischen Vielzellern mit Bakterien. So enthält das Genom des Seeigels
jeweils mehr als 200 Gene für Toll-like
receptors und NOD-like receptors.]
Zusätzlich zu diesen "direkten" pattern recognition receptors wirken Komplementrezeptoren,
die opsonisierte Bakterien erkennen, z. B. CR3 (CD11b/CD18) und CR4
(CD11c/CD18). Die Bindung über diese Rezeptoren führt in Makrophagen
zur Phagozytose und in der Regel zum intrazellulären Abbau der Bakterien.
Damit verbunden ist eine fundamentale Änderung der Palette exprimierter
Gene. Dies führt zur Aussschüttung von Zytokinen wie IL‑1β,
TNFα und IL-6, die eine weitere Ebene der nichtadaptiven Abwehrreaktion,
die Akutphasenreaktion, induzieren. Auch neue Membranproteine werden
exprimiert, wie z. B. die B7-Moleküle (CD80 und CD86), die für die
Einleitung einer adaptiven Immunreaktion benötigt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Makrophagen
und dendritischen Zellen? Makrophagen stehen weiter auf der nicht-adaptiven
Seite der Abwehr. Sie sind Schaufelbagger, die, wie ihr Name schon
sagt, in der Lage sind, große Mengen von Bakterien oder Bruchstücken
aus dem Weg zu räumen. Dendritische Zellen stehen weiter auf der Seite
der adaptiven Immunantwort: ihre Hauptaufgabe ist es, antigenes Material
zu sammeln, in den Lymphknoten zu bringen und dort T-Zellen zu präsentieren.
Sie können phagozytieren, machen aber nicht den Hauptteil dieser Arbeit.
Viele Antigene nehmen sie durch Makropinozytose ("viel trinken")
auf, einen Mechanismus, der die Aufnahme großer "Schlucke"
gelösten Materials bedeutet. Virusinfektion dendritischer Zellen stellt
eine dritte Art dar, Antigene "aufzunehmen". Dies ist notwendig,
um eine effiziente adaptive antivirale Immunantwort einzuleiten, wie
wir später sehen werden. Dendritische Zellen werden im Knochenmark
produziert. Es war lange umstritten, ob sie von der myeloischen oder
lymphozytären Linie abstammen; heute glaubt man, dass beides zutrifft.
Dendritische Zellen haben zwei sehr verschiedene Lebensabschnitte.
Solange sie jung und unreif sind, durchstreifen sie den Organismus
und sammeln "Zeug", doch fehlt ihnen die Fähigkeit, mit
T-Zellen zu interagieren. Ihre Wanderung wird durch Chemokinrezeptoren
bestimmt, mit denen sie Chemokinspuren in periphere Gewebe hinein
verfolgen. Wenn es keine Herausforderungen gibt, brauchen sie sehr
lange, um zu reifen, aber eine "traumatische" Infektion
mit intensiver TLR-Aktivierung löst einen plötzlichen Entwicklungsschub
aus. Durch frisch exprimierten Chemokin-Rezeptor 7 (CCR7) werden sie
nun in Lymphgefäße geführt, und in kurzer Zeit kommen sie im Lymphknoten
an. Die gereiften dendritischen Zellen haben nun die Fähigkeit verloren,
Antigene aufzunehmen; dafür exprimieren sie nun alle Oberflächenproteine,
die für eine produktive Beziehung zu T-Lymphozyten notwendig sind,
insbesondere MHC- und B7-Moleküle. Die Sekretion des Chemokins CCL18
macht diese kampferprobten, welterfahrenen dendritischen Zellen speziell
attraktiv für junge, naive T-Zellen. Die Folgen dieser Beziehung hängen
von der Chemie zwischen den beiden ab und sind ein eigenes Kapitel
(2.12).
1.4 Vasoaktive
Amine
Histamin wird aus den Granula von Mastzellen
ausgeschüttet. Es entsteht
durch Decarboxylierung der Aminosäure Histidin. Für Histamin gibt
es vier Typen von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren der 7-TM-Rezeptorfamilie.
Die Wirkungen im Rahmen der Entzündung werden von H1-Rezeptoren vermittelt.
Pharmakologische Blockade dieser Rezeptoren ist ein häufig verwendetes
Mittel zur Bekämpfung von unerwünschten Histaminwirkungen im Rahmen
von Allergien und Reisekrankheit (spezifische H2-Rezeptorenblocker
werden zur Verminderung der Säureproduktion von Belegzellen des Magens
verwendet). Histamin bewirkt über H1-Rezeptoren Gefäßerweiterung und
Permeabilitätssteigerung. Über H4-Rezeptoren werden eosinophile Granulozyten
und andere Abwehrzellen chemotaktisch angelockt.
Serotonin wird aus Thrombozyten ausgeschüttet,
sobald diese aggregieren, und fördert wiederum die Aktivierung weiterer
Plättchen sowie deren Fähigkeit, Gerinnungsfaktoren an ihre Oberfläche
zu binden. Serotonin entsteht aus der Aminosäure Tryptophan. Die übrigen
Wirkungen von Serotonin ähneln denen des Histamins.
1.5
Lysosomale Enzyme
Proteasen (saure Hydrolasen, Kollagenase, Kathepsine,
etc.) und bakterizide Proteine (Lysozym, Defensin, Myeloperoxidase
zur Erzeugung von aktiven Sauerstoffverbindungen) dienen in erster
Linie dazu, phagozytierte Erreger abzutöten und abzubauen. Da Parasiten
etc aber auch zu groß sein können, um phagozytiert zu werden, werden
diese aggressiven Enzyme auch nach außen freigesetzt und können so
eigenes Gewebe schädigen.
1.6
Prostaglandine und Leukotriene
Prostaglandine und Leukotriene werden von vielen
Zellarten aus Arachidonsäure synthetisiert, die als Fettsäure in Membran-Phospholipiden
vorkommt. Bei Bedarf setzen Phospholipasen Arachidonsäure aus der
Membran frei, die dann in zwei Richtungen weiter verstoffwechselt
werden kann: durch Cyclooxygenasen in Richtung Prostaglandine, oder
durch Lipoxygenase in Richtung Leukotriene. Zwei Cyclooxygenase-Isoenzyme
werden unterschiedlich exprimiert und reguliert. COX1 wird in vielen
Geweben konstitutiv exprimiert. Sie ist z. B. für den Schleimhautschutz
des Gastrointestinaltrakts und für die Durchblutung der Nierenrinde
und damit für die glomeruläre Filtrationsrate wichtig. COX2 wird bei
Aktivierung der unspezifischen Abwehr induziert.
Prostaglandine haben eine kurze Halbwertszeit
und beeinflussen damit hauptsächlich ihre direkte Umgebung. Sie haben
in verschiedenen Geweben sehr verschiedene Funktionen: ihre Wirkungen
als Entzündungsmediatoren sind nur ein Ausschnitt des Gesamtwirkungsspektrums.
Ihre Wirkung kann daher nicht sinnvoll generalisiert beschrieben werden:
sie hängt vom Gewebe, der Funktionssituation und den vorherrschenden
unter den vielen möglichen Metaboliten ab.
Im Rahmen der Entzündung fördern Prostaglandine
PGE2 und PGF2 die Vasodilatation (die
Zahl –2-- gibt lediglich die Anzahl der Doppelbindungen an). PGE2
trägt zur Schmerzempfindung bei, indem es die durch andere Schmerzauslöser
(Bradykinin, Kalium) erzeugten Schmerzsignale potenziert. Gegensätzliche
Wirkung auf die Blutgerinnung haben zwei weitere Prostaglandine: Thromboxan
(in Thrombozyten) fördert Plättchenaggregation, Prostacyclin (im Gefäßendothel)
hemmt sie.
Durch Wirkung im Hypothalamus trägt PGE2 auch
zur Entstehung von Fieber bei. PGE2 entsteht dabei lokal in den Endothelzellen
des Hypothalamus nach Fernwirkung von IL‑1β, IL-6 und TNFα.
Leukotriene C4, D4, E4 bewirken Bronchokonstriktion
und erhöhte Gefäßpermeabilität. Sie tragen bei Asthma bronchiale wesentlich
zur Entstehung des Krankheitsbildes bei. Leukotrien B4 wirkt chemotaktisch
und aktivierend auf neutrophile Granulozyten.
Pharmakologische Querverstrebung: Im Bereich der Prostaglandine und Leukotriene
gibt es vielfache pharmakologische Eingriffsmöglichkeiten:
Cortisol und andere Glucocorticoide
hemmen bereits die Freisetzung von Arachidonsäure aus den Phospholipiden
und damit sowohl Prostaglandin- als auch Leukotrienproduktion. Sie
wirken damit stark entzündungshemmend.
Acetylsalicylsäure (Aspirin)
und andere NSAIDs (non-steroidal
anti-inflammatory drugs) hemmen Cyclooxygenasen und wirken damit
entzündungshemmend, schmerzlindernd und fiebersenkend.
Da die klassischen COX-Hemmer unspezifisch beide Isoenzyme
hemmen, ist ihre Anwendung mit typischen Nebenwirkungen verbunden.
Dies betrifft einerseits Schleimhautschäden im Magen-Darm-Trakt, andererseits,
besonders bei chronischer Anwendung, eine Nierenschädigung. Aus diesem
Grund wurde versucht, möglichst spezifische COX2-Hemmer wie Celecoxib
zu entwickeln, bei denen diese unerwünschten Wirkungen zuückgedrängt
werden. Allerdings wurde der COX-2-Hemmer Rofecoxib (Vioxx®)
vom Markt genommen, als sich herausstellte, dass seine Langzeiteinnahme
das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall vergrößert.
Niedrige Dosen von Acetylsalicylsäure werden
präventiv zur Vermeidung thromboembolischer Ereignisse eingesetzt.
Dies erfolgt über Hemmung der in Thrombozyten zur Thromboxansynthese
notwendigen COX1. Im Gegensatz zu den anderen, kompetitiv hemmenden
NSAIDs inaktiviert Acetylsalicylsäure die Cyclooxygenase irreversibel
durch Acetylierung des aktiven Zentrums; in den kernlosen Thrombozyten
wirkt sich das besonders stark aus, da sie das Enzym nicht mehr nachsynthetisieren
können. Gleichzeitig reichen die eingesetzten Dosen nicht aus, die
Prostacyclinsynthese im ständig nachproduzierenden Gefäßendothel zu
unterbinden, die einen gerinnungshemmenden Effekt hat. (Die schwächere
Hemmung der COX1-Wirkung in Thrombozyten könnte der Grund für die
im direkten Vergleich etwas häufigeren thromboembolischen Ereignisse
unter COX2-Hemmern sein.)
Hemmung der Cyclooxygenase kann jedoch auch
bewirken, dass Arachidonsäure eher in Richtung Leukotriene verstoffwechselt
wird. Aspirin kann auf diese Art sogar einen Asthma-Anfall auslösen.
Auf der Leukotrien-Seite gibt es Lipoxygenasehemmer
und Rezeptorblocker, die vor allem in der Asthmatherapie Anwendung
finden.
1.7 Plättchenaktivierender
Faktor (PAF)
PAF ist ein Phospholipid, das von Thrombozyten,
basophilen Granulozyten/Mastzellen, neutrophilen Granulozyten, Monozyten/Makrophagen
und Endothelzellen synthetisiert werden kann. Es hat zahlreiche proinflammatorische
Wirkungen, wie Plättchenaggregation, Gefäß-Permeabilitätssteigerung,
Bronchokonstriktion und chemotaktische wie aktivierende Wirkung auf
neutrophile Granulozyten.
1.8
Aktive Sauerstoffverbindungen
Werden neutrophile Granulozyten oder Makrophagen
durch Phagozytose oder durch Entzündungsmediatoren wie PAF aktiviert,
setzt sich das NADPH-Oxidase-Enzymsystem in Gang, das äußerst aggressive,
kurzlebige Sauerstoffverbindungen produziert, wie z. B. das Peroxid-Radikal
(.O2-),
Wasserstoffperoxid (H2O2),
Superoxid-Anion (O22-), Singulett-Sauerstoff (1O2), oder das Hydroxylradikal
( .OH). Mit
Hilfe dieser Verbindungen wird durch ein weiteres Enzym, Myeloperoxidase,
das Hypochloritradikal ( .OCl)
generiert. Dieser explosionsartig ablaufende Vorgang wird als respiratory burst (oxidative burst) bezeichnet.
Die entstehenden Verbindungen gehen chemische Reaktionen mit den umliegenden
organischen Molekülen ein und wirken damit hochtoxisch. Der Mechanismus
ist wesentlich zur Abtötung von Pathogenen, schädigt aber natürlich
auch das eigene Gewebe.
1.9 NO
Stickstoffmonoxid (NO) hat zwei Funktionen:
es dilatiert Gefäße und es trägt zum Abtöten von Mikroben in Makrophagen
bei. NO wird einerseits von Endothelzellen, andererseits von Makrophagen
produziert.
Werden Endothelzellen im Lauf der Entzündungsreaktion aktiviert, produziert
die endotheliale NO-Synthase (eNOS) große Mengen NO, das auf die daneben
liegenden glatten Muskelzellen wirkt und diese zur Relaxation bringt.
Makrophagen exprimieren normalerweise keine
NO-Synthase. Werden sie aber durch Zytokine wie TNF-α oder γIFN
aktiviert, induzieren diese iNOS (cytokine
inducible NO-synthase), sodass antimikrobiell wirkendes NO produziert
wird.
1.10 Zytokine
und Chemokine
"Zytokin" ist ein etwas schwammig
definierter Begriff. Es handelt sich um Polypeptid-Signalmoleküle,
die besonders, aber nicht nur, von Zellen des Immunsystems produziert
werden und die Funktion anderer Zellen beeinflussen. Ihre Funktion
liegt in der Koordinierung von Abwehrmaßnahmen, ist aber von Molekül
zu Molekül sehr heterogen, was sich auch in einer verwirrend unintuitiven
Namensgebung niederschlägt: Hinter allen folgenden Bezeichnungen verbergen
sich Zytokine: Interleukine, TNF–α (Tumor Necrosis Factor-α), Lymphotoxin,
IFNγ (Interferon-γ), G-CSF (Granulocyte-Colony Stimulating Factor), GM-CSF (Granulocyte/Macrophage-Colony Stimulating Factor),
c-kit-Ligand, TGF-β (Transforming Growth Factor-β).
Chemotaktisch wirkende Zytokine werden Chemokine genannt. Dies sind kleine (8-10
kDa) Proteine mit einer konservierten Struktur aus drei β-Faltblättern
und einer C-terminalen α-Helix. Nach der Anordnung der für die
Tertiärstruktur verantwortlichen Cysteine werden sie in vier Unterfamilien
eingeteilt: CC, CXC, CXXXC und C. Um die Übersicht über die vielen
im Lauf der Zeit charakterisierten chemotaktisch wirkenden Moleküle
unterschiedlichster Bezeichnungen und ihre Rezeptoren zu bewahren,
wurden folgende Konventionen eingeführt. Die Chemokine selbst werden
nach ihrer Familienzugehörigkeit benannt, z. B. CCL2, CXCLn. L steht
für Ligand, die Rezeptoren bekommen dafür ein R in ihre Kurzbezeichnung:
z. B. CCR5, CXCRn. Auch die Rezeptoren haben untereinander ähnliche
Struktur: es sind 7-Transmembran-Helix-(7-TM-)-Rezeptoren, die G-Protein-gekoppelt
sind. Das Leitsystem von Chemokin-Gradientenfeldern und Chemokinrezeptoren
ermöglicht, dass die richtigen Zellen des Immunsystems zum richtigen
Zeitpunkt am richtigen Ort eintreffen.
Betrachten wir als Beispiel den Zytokin-Cocktail,
den Makrophagen als Reaktion auf ihre Aktivierung über pattern recognition receptors und die Aufnahme von Pathogenen sezernieren
: TNFα, IL‑1β, IL-6, IL-8 und IL-12.
IL-12 aktiviert NK (natural killer)-Zellen und unterstützt die Differenzierung einer bestimmten
Unterart von T-Lymphozyten (jeweils später erklärt in den Abschnitten
1.13 und 2.13).
IL-8 ist ein Chemokin mit dem systematischen
Namen CXCL8, das über die Rezeptoren CXCR1 und -2 chemotaktisch auf
z. B. neutrophile Granulozyten wirkt.
TNFα, IL‑1β und IL-6 arbeiten
nicht allein, sondern im Team. Sie haben sowohl lokale, als auch Fernwirkungen.
Um die Komplexität der Wirkungen von Signalmolekülen im Immunsystem
einmal an einem Beispiel zu illustrieren, soll im nächsten Abschnitt
stellvertretend für das Team TNF-α näher beschrieben werden,
und zwar zuerst die Strategie hinter den Wirkungen des Moleküls, dann
die praktische Umsetzung.
Pharmakologische
Querverstrebung:
Einige Zytokine werden, gentechnisch hergestellt, als Medikamente
eingesetzt, z. B. G-CSF (z. B. Neupogen®,
Neulasta®) zur Stimulation der Produktion von neutrophilen
Granulozyten.
Etwas gegen Zytokine zu unternehmen ist eine
Möglichkeit, unerwünschten Immunreaktionen entgegenzuwirken. Cortisol
und andere Glucocorticoide wirken stark immunsuppressiv. Ein Teil
dieser Wirkung beruht darauf, dass Glucocorticoide die Expression
zahlreicher Cytokine hemmen, z. B. TNFα, IL‑1β, IL-2,
IL-8,...Auch rekombinante Proteine werden eingesetzt, um Zytokine
zu inaktivieren und damit Teilaspekte einer Immunreaktion zu bremsen,
ohne den Patienten der Gefahr einer vollständigen Immunsuppression
auszusetzen. So wird anti-TNFα-Therapie gegen Rheumatoide Arthritis,
fistelbildenden Mb. Crohn und schwere Formen von Psoriasis eingesetzt.
Monoklonale anti-TNFα-Antikörper sind Infliximab (Remicade®)
und Adalimumab (Humira®); ein weiteres Medikament, Etanercept
(Enbrel®), stellt ein Rezeptor-Fusionsprotein dar.
1.11 TNFα und die Akutphasenreaktion
TNFα ist ein Zytokin, das von vielen Zellarten,
aber besonders von Makrophagen und aktivierten T-helfer Typ1-Zellen
(später erklärt) produziert wird. Praktisch alle Zellen scheinen Rezeptoren
dafür zu haben. Eine Rezeptoraktivierung der Zielzelle führt schließlich
zur Induktion von Genen, die zur Entzündungsreaktion oder Akutphasenreaktion
beitragen.
Sinn des Moleküls:
Koordination der angeborenen, nichtadaptiven Immunreaktion.
STRATEGIE:
Lokal:
Örtliche Begrenzung einer Infektion, Verstärkung
der nicht-adaptiven Abwehrreaktion und Vorbereitung der adaptiven
Immunreaktion. Der Flüssigkeitsstrom wird vom Gefäß ins Gewebe Richtung
Lymphknoten umgeleitet. Die lokalen Blutgefäße werden durch Gerinnung
verschlossen, sodass die Keime nicht mit dem Blutstrom verschleppt
werden. Das verhindert die Entstehung einer Sepsis.
(Injiziert man ein Kaninchen lokal mit einem
Bakterium, bleibt die Infektion auf den Bereich der Infektion beschränkt.
Injiziert man jedoch zusätzlich anti-TNF-Antikörper, breitet sich
die Infektion über das Blut in andere Organe aus.)
Misslingt die örtliche Begrenzung, hat dieselbe
Wirkung von TNFα katastrophale Folgen: sie führt von einer Sepsis
zum septischen Schock. Makrophagen
in Leber, Milz, Lunge und anderen Organen setzen so viel TNFα
frei, dass im ganzen Körper die Gefäße permeabilisiert werden, das
Plasmavolumen im Gewebe versackt und zusätzlich eine DIC (disseminierte
intravasale Koagulation) ausgelöst wird.
(Bei Mäusen ohne funktionellen TNFα-Rezeptor kommt es nie zu einem septischen
Schock. Allerdings sind solche Mäuse auch nicht in der Lage, eine
Infektion lokal zu kontrollieren.)
Systemisch:
Bei physiologischen Konzentrationen (nicht Freisetzung
im ganzen Körper, sondern Ausschwemmung aus einem lokalen Entzündungsgebiet),
und immer im Zusammenspiel mit IL‑1β und IL-6: Funktionsveränderungen
in entfernten Organen, die die Infektionsbekämpfung fördern: Fieber,
Akutphasenreaktion, Mobilisierung von Granulozyten, Bereitstellung
der notwendigen Aminosäuren
und Energie, Krankheitsverhalten ("Rückzugsreaktion") zur
Energieeinsparung: Schlaf, Appetitlosigkeit.
Praktische Umsetzung- Wirkungen:
Lokal:
·
aktiviert das Gefäßendothel
(Induktion von Oberflächenproteinen auf Endothelzellen →Adhäsion
von Leukozyten) und erhöht die Permeabilität der Gefäßwand
·
induziert lokale Thrombozytenaggregation
und den Verschluss der Entzündungsgefäße durch Gerinnung. Die beiden
Effekte erleichtern den Ausstrom von Komplement, IgG ins Gewebe, erleichtern das Auswandern von Zellen
und bewirken einen verstärkten Lymphstrom zu den Lymphknoten—das Einschwemmen von Erregern in oder außerhalb
von Phagozyten in die Lymphknoten kurbelt eine adaptive Immunreaktion
an.
·
induziert gemeinsam mit IFNγ
iNOS (induzierbare NO-Synthetase) in Makrophagen; NO wirkt stark antimikrobiell
und gefäßerweiternd durch Relaxation der glatten Muskelzellen
·
induziert Cylooxygenase und
Lipoxygenase (Prostaglandine und Leukotriene)
·
induziert Proteasen (Schneisen
für die Abwehr, aber oft auch starke Gewebsschädigung)
·
stimuliert Fibroblastenproliferation
(Reparatur)
Systemisch:
·
ZNS: Schlafbedürfnis, Appetitlosigkeit;
Hypothalamus: Fieber-- begünstigt Infektionsbekämpfung, da bakterielle
und virale Vermehrung verlangsamt werden, die Antigenverarbeitung
dagegen beschleunigt.
·
Leber: Akutphasenreaktion:
Steigert die Produktion von Akutphasenproteinen wie Fibrinogen, CRP
und MBL. CRP (C-reaktives Protein) bindet Phosphorylcholin-Anteil
bestimmter Lipopolysaccharide in der Zellwand von Bakterien und Pilzen,
und aktiviert Komplement auf dem klassischen Weg durch Bindung von
C1q. Mannanbindendes Lektin (MBL) bindet an Mannosereste auf der Oberfläche
vieler Bakterien und ähnelt in seiner dreidimensionalen Struktur C1q,
ohne eine Sequenzhomologie mit diesem Molekül zu haben. Es aktiviert
MASP1- und -2, die C4 und C2 spalten. Beide Moleküle, CRP und MBL,
verhalten sich damit wie "Universalantikörper", die Komplement
aktivieren und zu einer Opsonisierung der Erreger führen. Das ist
schon ein oder zwei Tage nach einer Infektion möglich, während die
dieselbe Aufgabe erfüllenden Antikörper erst später erscheinen. Das
Akutphasen-Peptid Hepcidin blockiert den Eisenexporter Ferroportin
auf der Membran von Makrophagen. Eisen ist ein limitierender Faktor
für viele Pathogene (z. B. Staphylokokken, Streptokokken, Pilze),
sodass durch das "Wegsperren" von Eisen in Makrophagen ein
Abwehrvorteil erreicht werden kann. Dieser Effekt wird noch dadurch
verstärkt, dass TNFα, IFNγ
und direkte TLR4-Aktivierung die Expression von Ferroportin in Makrophagen
herunterregeln. Während der akuten Infektion hat der so ausgelöste
"innere Eisenmangel" keine negativen Effekte auf den Organismus;
eine chronische Infektion kann jedoch über eine anhaltende innere
Eisenfehlverteilung zu einer Anämie führen, da das Eisen so nicht
nur den Pathogenen, sondern auch der eigenen Erythropoese fehlt.
·
Knochenmark: Mobilisierung
von neutrophilen Granulozyten
·
Fett, Muskeln: Mobilisierung
von Energie
·
Suppression der Lipoproteinlipase
(LPL): keine neue Speicherung von Energie
All diese Effekte vergrößern die Chance, die
Infektion erfolgreich abzuwehren, und bringen Zeitgewinn, um die adaptive
Immunreaktion auf Touren zu bringen. Es gibt aber Erkrankungen, bei
denen das potente TNF-α mehr Schaden als Nutzen verursacht. Die
Induktion von Proteasen in Entzündungszellen
kann z. B. zur lokalen Gewebsdestruktion führen, wie bei
Rheumatoider Arthritis oder bei Mb. Crohn mit Fistelbildung. Es gibt
mehrere gentechnisch hergestellte Moleküle, die TNF-α binden
und inaktivieren und erfolgreich zur Behandlung dieser Erkrankungen
angewendet werden (siehe Abschnitt 4.4).
Ein Spezialfall: nicht-adaptive
Abwehr gegen Viren
Viren sind von der menschlichen Abwehr offensichtlich schwerer
zu erkennen als Bakterien. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen,
dass sie meist in menschlichen Zellen entstehen und ihre Oberfläche
damit weniger fremd wirkt als die von Bakterien, Pilzen oder Parasiten.
1.12 Typ-I-Interferone
Interferone erhielten ihren Namen für ihre Fähigkeit,
mit der Virusvermehrung zu interferieren. Abhängig von der für ihre
Charakterisierung verwendeten Zellart wurden ursprünglich drei Typen
von Interferonen benannt: α, β und γ. Bei IFNγ
handelt es sich aus heutiger Sicht eher um eine Fehlbenennung, da
die meisten Funktionen dieses wichtigen Zytokins nicht direkt mit
Viren zu tun haben; es wird später erklärt. IFNα und –β,
sowie später entdeckte ähnliche Moleküle, sind dagegen nahe verwandt
und binden an denselben Rezeptor. Sie wurden daher unter dem Namen
Typ-I-Interferone zusammengefasst.
Typ-I-Interferone sind Signalmoleküle, die von
einer Virus-befallenen Zelle sezerniert werden und das Ziel haben,
die weitere Verbreitung des Virus in Nachbarzellen einzudämmen. Damit
wird wieder Zeit gewonnen, um eine noch effektivere, adaptive Immunantwort
gegen das Virus hochzufahren.
Bei der Vermehrung der meisten Virusarten kommt
es zu einem Stadium, in dem längere doppelsträngige RNA auftritt.
Dieser Typ RNA existiert sonst nicht in menschlichen Zellen, wo nur
kurze doppelsträngige Abschnitte zwischen Schleifen der einzelsträngigen
RNA vorkommen. Das Auftreten längerer doppelsträngiger RNA-Abschnitte
ist damit ein für eine Virusinfektion typisches pathogen-associated
molecular pattern, das die Expression und Sekretion von Typ-I-Interferonen
zur Folge hat. Doppelstängige RNA mit 5'-Triphosphat-Enden wird durch
ein Protein mit einer RNA-Helicase-Domäne, RIG-I, und verwandte intrazelluläre
Rezeptoren (RIG-like helicases) erkannt. Im Gegensatz zu anderen PRRs
werden diese von praktisch allen Zellen exprimiert.
Aktivierung des Typ-I-Interferonrezeptors der
umliegenden Zellen führt über einen Jak/STAT-Signaltransduktionsweg
zur Expression bestimmter Gene, die eine Virusvermehrung in diesen
Zellen behindern.
Eines der induzierten Proteine ist P1-Kinase,
die ein für den Vorgang der Translation am Ribosom benötigtes Protein,
Initiationsfaktor eIF2, durch Phosphorylierung deaktiviert. (Zu kompliziert? Egal- das Wesentliche steht
im nächsten Satz:) Die Proteinsynthese der Zelle, und damit auch
die Virusproteinsynthese, wird dadurch gehemmt.
Ein anderer antiviraler Mechanismus wird durch
die Induktion des Enzyms Oligoadenylatsynthase aktiviert. Dieses Enzym
polymerisiert ATP zu ungewöhnlichen,
2´-5´-verbundenen Oligomeren (Nukleinsäuren polymerisieren
sonst ja mit 3´-5´-Querverstrebungen). Diese 2-5A-Oligomere aktivieren
RNase L, die virale RNA, aber auch zelluläre RNA, abbaut.
IFN-α induziert zudem eine Reihe weiterer
Proteine, die wichtig für die später folgende adaptive Immunreaktion
gegen das Virus sind. Dazu gehören MHC Klasse I-Moleküle (siehe Abschnitt
2.10) und Bestandteile des Antigen-prozessierenden Proteasoms. (Ein Proteasom ist eine Art molekularer Mülltonne/Reißwolf aus Proteasen:
große Proteine kommen hinein, kleine Peptide kommen heraus.) Die
erhöhte MHC-I-Expression schützt gleichzeitig nichtinfizierte Zellen
vor aktivierten NK-Zellen.
Typ-I-Interferone aktivieren, wie IL-12, NK-Zellen.
Pharmakologische
Querverstrebung:
Auch Interferone werden therapeutisch angewendet. Ein Einsatz gegen
Viruserkrankungen erscheint zunächst logisch, doch Interferone sind
sehr teuer und haben beträchtliche unerwünschte Wirkungen, z. B. Grippe-artige
Symptome nach der Injektion oder nach längerer Anwendung Anämie oder
Depression. Ihre Anwendung ist daher auf lebensbedrohliche Viruserkrankungen
wie Hepatitis C beschränkt.
Andere Anwendungen haben nichts mit Viren zu
tun, lassen sich aber durch die beschriebenen Effekte erklären. Hemmung
der Proteinsynthese und Abbau der zellulären RNA ergeben in der Summe
einen zytostatischen Effekt. IFN-β wird bei Multipler Sklerose
angewendet, und IFN-α ist Bestandteil vieler Chemotherapieprotokolle
gegen Leukämieformen und solide Tumoren.
1.13 NK-Zellen
Natural
killer- (NK-)-Zellen
ähneln morphologisch und in der Funktion zytotoxischen T-Lymphozyten,
exprimieren jedoch nicht den Rezeptor (T-Zell-Rezeptor, siehe unten),
mit dem zytotoxische T-Zellen Zielzellen identifizieren. Wie erkennen
sie also zu killende Zellen? Eine der Zelleigenschaften, die NK-Zellen
aktivieren, bezeichnen wir mit dem Schlagwort
missing self oder altered self .
NK-Zellen sind von Bedeutung für die Abwehr
bestimmter Viren, z. B. Herpesviren, in der Frühphase der Infektion,
aber auch für die Abwehr anderer infektiöser Agentien sowie für die
Elimination entarteter Zellen in der Tumorabwehr. Sie haben zwei Arten
von Rezeptoren: aktivierende und hemmende. Die hemmenden Rezeptoren (KIR- killer inhibiting receptors oder neutraler killer cell immunoglobulin-like receptors)
erkennen MHC-I-Moleküle (siehe Abschnitt 2.10). Erkennt die NK-Zelle
also einen normalen MHC-I-Besatz auf der von ihr "kontrollierten"
Zelle, lässt sie diese in Ruhe. Fehlt jedoch MHC-I, oder ist dieses
verändert (gleichbedeutend mit missing
oder altered self; MHC-I=self),
erkennt die NK-Zelle ihr Gegenüber nur durch den aktivierenden Rezeptor
und löst in der Zielzelle Apoptose aus.
Viele Viren hemmen die MHC-I-Expression der
von ihnen befallenen Zellen. Das ist für sie insoweit ein Selektionsvorteil,
als damit während der adaptiven Immunantwort die Erkennung durch zytotoxische
T-Zellen behindert wird. Mit dieser Strategie machen sie sich jedoch
durch NK-Zellen angreifbar.
NK-Zellen können aber auch über andere Mechanismen
aktiviert werden. Viele Zellen exprimieren in bestimmten Stress-Situationen
Liganden wie MICA (MHC I-chain-related A) für einen aktivierenden
Rezeptor der NK-Zellen, NKG2D (natural killer group 2, member D). In manchen Fällen löst onkogene
Transformation eine solche intrazelluläre Stress-Situation aus. Eine
sehr starke Expression aktivierender Liganden kann NK-Zellen dazu
bringen, solche "zweifelhaften" Zellen aus dem Verkehr zu
ziehen.
Außer durch direkten Kontakt mit der Zielzelle
können NK-Zellen auch durch Zytokine, vor allem IL‑12, aktiviert
werden. Umgekehrt kann die Wirkung von NK-Zellen auf Zielzellen ebenfalls
durch ein von ihnen sezerniertes Zytokin, Interferon‑γ
(IFNγ), vermittelt werden. Adressaten von IFNγ sind hauptsächlich
Makrophagen, die dadurch nicht getötet, sondern zu besonderer Aktivität
angespornt werden. Dieser Mechanismus ist z. B. in der frühen Abwehrphase
gegen das von der Sandmücke übertragene, sich intrazellulär in Makrophagen
vermehrende Protozoon Leishmania von Bedeutung: dendritische
Zellen aktivieren NK-Zellen über IL‑12. NK-Zellen versuchen,
über IFNγ die Makrophagen wachzurütteln, damit diese die Leishmanien
abtöten. Zuvor werden die Makrophagen nämlich durch Tricks der Leishmanien
in eine Art "Halbschlaf" gelullt.
Obwohl NK-Zellen primär Teil des nicht-adaptiven
Immunsystems sind, können sie auch durch Antikörper zu Zielstrukturen
geführt werden. Dieser Mechanismus wird als antibody-dependent
cytotoxicity (ADCC) bezeichnet.
2.
DIE ADAPTIVE IMMUNANTWORT
Ein Hauptproblem der Abwehr besteht darin, dass
verschiedene Erregertypen in unterschiedlichen Lokalisationen auftreten:
extrazellulär: im Gewebe: Bakterien,
Viren
auf Epitheloberflächen:
Candida, Darmpathogene
intrazellulär: im Zytoplasma:
replizierende Viren, manche Bakterien
in Vesikeln: manche Bakterien, z. B. Mycobakterien
Für all diese unterschiedlichen Lokalisationen
musste die Evolution funktionierende Abwehrmechanismen entwickeln.
Zur Bekämpfung extrazellulär auftretender Erreger
dienen in erster Linie Antikörper.
2.1 Antikörper
Ein Antikörpermolekül (=Immunglobulin) besteht
aus zwei leichten (vom Typ κ oder λ) und zwei schweren Polypeptidketten
(vom Typ μ, γ, δ, α oder ε), die durch Disulfidbrücken
verbunden sind. Je nach Typ der schweren Kette spricht man von IgM,
IgG, IgD, IgA oder IgE. Bei IgM sind zusätzlich fünf solcher Grundeinheiten
zu einem sehr großen Molekül zusammengefaßt.
Einige notwendige Begriffe:
Funktionell besteht ein Antikörper aus einer
variablen und einer konstanten Region. Während die konstante Region
unveränderbar im Genom verankert ist, wird die variable Region durch
einen einzigartigen Prozess, der als Rearrangement bezeichnet wird,
neu gebildet. Die variable Region dient der Bindung des Antigens.
Als Antigen wird alles bezeichnet, was eine
adaptive Immunreaktion auslösen kann. Die chemische Zusammensetzung
ist von geringer Bedeutung. Antigene können Polypeptide, Kohlenhydrate,
Fette, Nucleinsäuren, und (seltener, als man annimmt!) Kunststoffe
sein. Sie müssen aber eine gewisse Größe haben. Sehr
kleine Moleküle wirken nur antigen, wenn sie an ein größeres Trägermolekül
gekoppelt sind. Man nennt sie in diesem Fall Haptene. Antikörper erkennen
größere, dreidimensionale Oberfächenstrukturen. Oft hat ein Makromolekül
mehrere solcher Strukturen, sogenannte antigene Determinanten oder
Epitope, die unabhängig voneinander Antikörperbildung auslösen. Umgekehrt
können zwei in der Primärstruktur ganz unterschiedliche Moleküle trotzdem
vom selben Antikörper erkannt werden, wenn ihre Oberflächenstruktur
zufällig sehr ähnlich ist. In diesem Fall spricht man von einer Kreuzreaktion
des Antikörpers. T-Lymphozyten erkennen eine andere Art von Epitopen:
lineare Peptide von 8 bis 20 Aminosäuren.
Spaltet man Antikörper mit einer bestimmten
Protease, kann man Bruchstücke erzeugen, die das jeweilige Antigen
binden (die sogenannten Fab-Fragmente, Fraction
antigen binding) und Bruchstücke, die das entgegengesetzte Ende des Antikörpers
repräsentieren. Da diese Fraktion leicht zu kristallisieren war, wurden
die Fragmente Fc-Fragmente genannt (Fraction
crytallizable). Viele
Zellen des Immunsystems haben Rezeptoren, die diesen "Rückteil"
des Antikörpers binden: sogenannte Fc-Rezeptoren. Individuell werden
sie nach der schweren Kette benannt, die sie binden: Fcγ-R (für IgG), Fcα-R (IgA), Fcα/µ-R
(IgA und IgM), Fcε-R
(IgE). Mit Fc-Rezeptoren erkennen
und binden diese Zellen Antigen-Antikörperkomplexe nach dem Klettverschlussprinzip.
Freie Antikörper werden von den Fc-Rezeptoren nicht gebunden. Eine
Ausnahme sind Mastzellen, die über ihren hochaffinen Fc-ε-Rezeptor
auch freie (nicht an ein Antigen gebundene) IgE an ihre Oberfläche
binden.
2.2 Wie
tragen Antikörper zur Abwehr bei?
Bakterien, Viren und Parasiten sind generell
antigen. Nach einer Verzögerung von mindestens fünf Tagen, die wir
mit Hilfe der unspezifischen Abwehrmechanismen überstehen müssen,
produzieren wir spezifische Antikörper. Diese binden die Pathogene.
Aber was nützt uns das?
Abhängig von der Natur des Pathogens können Antikörper auf mindesten fünf
Arten nützen:
·
Neutralisierende Antikörper
bei Viren
·
Neutralisierung von Toxinen
·
Komplement-Lyse von Bakterien
über den klassischen Weg
·
Opsonisierung ("zu einem
Leckerbissen machen") von Bakterien
·
ADCC (antibody-dependent cellular cytotoxicity)
NK-Zellen erkennen über ihren Fc-Rezeptor Zellen, die Antikörper gebunden
haben, und töten diese ab. Das können Virus-befallene Zellen sein,
die Virus-Hüllproteine auf ihrer Oberfläche tragen.
Neutralisierung bedeutet, das Virus oder das
Toxin so mit Antikörpern zu spicken, dass es nicht mehr an seinen
Rezeptor binden kann. Impfungen, die neutralisierende Antikörper induzieren,
gewähren meist sehr effektiven Schutz.
Um eine Zelle zu "betreten", dockt
ein Virus an einem spezifischen Oberflächenprotein an, das wir seinen
Rezeptor nennen. Natürlich ist es nicht die eigentliche Aufgabe dieses
Proteins, einem Virus Einlass zu gewähren; seine physiologische Aufgabe
ist eine ganz andere. So missbraucht z. B. HIV (human
immunodeficiency virus) das Lymphozyten-Transmembranprotein CD4
als Rezeptor. CD4, das wir im Abschnitt 2.9 näher kennenlernen werden,
ist wichtig für die Funktion von Lymphozyten. Für manche Viren (leider
nicht für HIV) ist es möglich, neutralisierende Antikörper zu erzeugen:
entweder durch die Infektion selbst, oder durch Impfung. Dieser Mechanismus
liegt der sehr effektiven Impfung gegen Hepatitis B zugrunde. Der
Impfstoff besteht aus dem gentechnisch hergestellten Hüllprotein des
Virus, dem HBs-Antigen, und induziert neutralisierende Antikörper
dagegen. Wenn später ein Hepatitis B-Virus in den Körper gelangt,
wird es sofort mit den herumschwimmenden Antikörpern gespickt. Unfähig,
an seinen Rezeptor zu binden und in die Leberzelle zu gelangen, bleibt
es vollkommen harmlos und wird bald phagozytiert und abgebaut.
Manche bakterielle Erkrankungen wie Tetanus
oder Diphtherie werden nicht so sehr durch die Bakterien selbst, sondern
durch deren Toxine ausgelöst. Auch diese Toxine missbrauchen zelluläre
Oberflächenproteine als Rezeptor und verändern dadurch die Zellfunktion
zu ihren Gunsten. Säuglinge, die mit inaktivierten Versionen dieser
Toxine geimpft werden, bilden dagegen neutralisierende Antikörper.
Infiziert sich das Kind später mit einem solchen Bakterium, merkt
es das nicht einmal, denn die Krankheits-auslösende Toxinmoleküle
werden sofort durch Antikörper gebunden, sodass sie nicht mehr an
ihre Rezeptoren binden können: sie werden neutralisiert.
Komplementaktivierung über den klassischen Weg:
IgM und zwei Subklassen von IgG aktivieren Komplement, indem sie mit
ihrer Fc-Domäne C1q binden. Diese Bindung ist nur möglich, nachdem
die betroffenen Antikörper an ihr Antigen gebunden
haben— sich also ein "Immunkomplex" gebildet hat;
freie Antikörper in Lösung können Komplement nicht aktivieren. Mit
Hilfe der C1-Komponenten C1r und C1s sowie den Faktoren C4 und C2
wird die aktive C3-Konvertase des klassischen Wegs gebildet, die aus
den Spaltprodukten C4b und C2b besteht. Ab der C3-Konvertase läuft
die Komplementaktivierung immer gleich ab, unabhängig davon, über
welchen Weg sie in Gang gebracht wurde.
Komplementrezeptoren, die im Fall des alternativen
Wegs hauptsächlich zur Phagozytose opsonisierter Bakterien dienten,
sind im Fall des klassischen Wegs auch für die Beseitigung von Immunkomplexen
wesentlich. CR1 kommt auch auf Erythrozyten vor und bindet dort Immunkomplexe
via C3b. In Milz und Leber entfernen Phagozyten diese Immunkomplexe,
ohne die Erythrozyten dabei zu beeinträchtigen. Ist das System überlastet,
lagern sich Immunkomplexe in Basalmembranen von Gefäßen ab und können
so zu Krankheitserscheinungen führen.
2.3 Immunglobulinklassen
(Isotypen)
IgM, ein Pentamer aus fünf
Standardantikörpereinheiten, wird im Zug einer akuten Infektion als
erstes gebildet. Es kann daher zum Nachweis einer erst kürzlich erfolgten
Infektion herangezogen werden. IgM wirkt sehr stark komplementaktivierend:
während bereits ein einziges IgM-Molekül den Start der Komplementkaskade
bewirken kann, sind im Fall von IgG mehrere Moleküle im richtigen
Abstand notwendig, was die Wahrscheinlichkeit der Aktivierung wesentlich
herabsetzt. Durch seine Größe gelangt IgM nur schlecht
aus den Gefäßen in den interstitiellen Raum.
IgG ist das "Standardmodell"
des Antikörpers. Es erscheint im Verlauf einer Immunantwort später
als IgM und tritt in vier Subklassen auf (IgG1-IgG4), von denen IgG1
und IgG3 Komplement binden. IgG wird als einzige Antikörperklasse
aktiv über die Plazentabarriere transportiert; die auf das Kind übertragenen
IgG stellen nachgeburtlich für 2-3 Monate einen wichtigen Schutz für
das Neugeborene dar. IgG erreichen hohe molare Konzentrationen im
Serum-- eine Voraussetzung für effektive Neutralisation von Viren
oder Toxinen. Die Halbwertszeit von IgG beträgt im Blut etwa 21 Tage,
die von IgM nur etwa die Hälfte.
IgA kommt im Blut als Monomer
vor; seine Hauptfunktion ist aber der Schutz "äußerer" Oberflächen
des Organismus. Plasmazellen in der Submucosa, z. B. des Dünndarms
oder in Speicheldrüsen, sezernieren dazu zwei durch eine J (joining)-Kette
verbundene IgA-Moleküle. Dieses Dimer wird mittels des Poly-Ig-Rezeptors
der Epithelzelle gebunden und in einem Vesikel transzytotisch duch
die Zelle ins Lumen geschleust. Ein Teil des Rezeptors wird beim Ausschleusevorgang
abgeschnitten und bleibt als secretory
component (SC) am IgA-Dimer. SC schützt das sekretorische IgA
(sIgA) vor Proteasen im Darm und ist stark glykosyliert. Das führt
dazu, dass sIgA in der dünnen Schleimschicht über dem Epithel konzentriert
bleibt. Dort verhindert es, dass Viren, Bakterien und Toxine an ihre
Rezeptoren binden können, ein Mechanismus, der immune
exclusion genannt wird und der Neutralisierung ähnelt.
IgE wurde von der Evolution
zur Bekämpfung von Parasiten (Würmern und Protozoen) entwickelt. Seine
Fc-Domäne bindet schon im freien Zustand an den Fc-ε-Rezeptor
von Mastzellen. Gerät z. B. ein Wurm an eine so bestückte Mastzelle,
bewirkt die Quervernetzung von benachbarten IgE-Molekülen die Ausschüttung
von präformierten Granula, die unter anderem Histamin und weitere
für eosinophile Granulozyten chemotaktisch wirkende Moleküle enthalten.
Die über H1-Rezeptoren eingeleitetete Entzündung erleichtert das Herankommen von über H4-Rezeptoren
chemotaktisch angelockten eosinophilen Granulozyten, die wiederum
über ihren Fc-ε-Rezeptor an den mit IgE gespickten Wurm binden
und den toxischen Inhalt ihrer Granula darüber ausschütten. In den
westlichen Industriestaaten ist die Prävalenz von Parasiteninfektionen
relativ niedrig. Das an und für sich nützliche IgE wird häufig dadurch
zum Problem, dass das Immunsystem z. B. harmlose eingeatmete Gräserpollen
mit einem gefährlichen, zu bekämpfenden Parasiten verwechselt. Heuschnupfen
oder Asthma bronchiale sind die Folge.
IgD tritt gemeinsam mit IgM
intermediär auf der Oberfläche von B-Lymphozyten im Lauf der Reifung
zu Plasmazellen auf, und wird in geringen Konzentrationen auch im
Serum gefunden. Eine Abwehrfunktion für das Molekül ist heute nicht
bekannt.
2.4 Antikörper-Diagnostik:
Es ist sowohl möglich, die Konzentration einer
gesamten Klasse von Immunglobulinen zu messen (z. B. Gesamt-IgE im
Serum) als auch spezifisch die Konzentration von Antikörpern gegen
ein bestimmtes Antigen. In diesem Fall wird die Konzentration häufig
noch mit der alten Bezeichnung "Titer" angegeben. Der Titer
eines Antikörpers ist diejenige Verdünnung eines Serums, in der der
Antikörper mit der jeweiligen Testmethode gerade noch nachgewiesen
werden kann. Der Ursprung dieses vielleicht eigenartig erscheinenden
Systems liegt in Testmethoden, die keine quantitativen, sondern nur
ja/nein-Antworten zulassen, wie die Komplement-Bindungsreaktion, die
nur eines der beiden Resultate "Lyse" oder "Nichtlyse"
von Erythrozyten ergeben kann. Zur Veranschaulichung: man stelle sich
eine Verdünnungsreihe eines Serums vor: 1:10 – 1:20 – 1:40 –1:80 –
1:160 – 1:320. Wenn der Antikörper in den Verdünnungen 1:10 bis 1:160
jeweils nachweisbar ist, nicht aber in der Verdünnung 1:320, wäre
der Titer dieses Antiköpers 1:160. Oft wird der Titer als reziproker
Wert ausgedrückt: man spricht also von einem "Titer von 160".
Von den zahlreichen Techniken, die es erlauben,
Antikörperkonzentrationen zu messen, sollen nur drei kurz skizziert
werden: ELISA, Western Blot und Immunfluoreszenz. Für alle drei benötigt
man als Werkzeug sogenannte monoklonale Antikörper.
Um biologische Moleküle nachzuweisen, wurden
anfänglich Antisera verwendet. Man immunisierte zunächst ein Versuchstier,
z. B. ein Kaninchen, mit dem nachzuweisenden Molekül und verwendete
dann das Serum dieses Versuchstiers, das nun Antikörper gegen das
nachzuweisende Molekül enthielt, als Werkzeug in immunologischen Tests.
Ein solches Antiserum, im Laborjargon auch als "polyklonaler
Antikörper" bezeichnet, ist allerdings kein Präzisionswerkzeug:
es enthält ein Sammelsurium an Antikörpern gegen alle Antigene, mit
denen das Versuchstier vorher in Berührung gekommen war. Diese Nebenspezifitäten
können das Testergebnis völlig verfälschen.
Monoklonale Antikörper
Ein monoklonaler Antikörper vermeidet diese
Probleme, da er eine Vervielfältigung des Produkts einer einzigen
B-Zelle darstellt. Seine Herstellung ist allerdings sehr aufwendig.
Zunächst wird eine Maus mehrfach mit dem nachzuweisenden Molekül,
z. B. humanem IgM, immunisiert. Dann wird ihr die Milz entnommen,
die nun zahlreiche B-Zellen enthalten sollte, die Antikörper gegen
humanes IgM produzieren. Nähme man diese Zellen in Kultur, würden
sie bald sterben. Um sie unbeschränkt teilungsfähig zu machen, werden
sie mit einer Mäusetumorzellinie fusioniert. Durch die Fusion der
beiden Zellarten in einer Gewebekulturflasche entstehen verschiedene
Produkte: die gewünschten B-Zell-Tumorzell-Fusionen, aber auch B-Zell-B-Zell-Fusionen
sowie Tumor-Tumor-Zellfusionen; nebenbei bleiben viele Zellen unfusioniert.
Ziel des nächsten Schrittes ist, nur die "richtig" fusionierten
Zellen, also B-Zell-Tumorzellfusionen, weiter zu kultivieren. Untereinander
fusionierte oder unfusionierte Zellen aus der Milz stellen kein Problem
dar: sie sind ohnehin nur begrenzt teilungsfähig und sterben dann
ab. Tumor-Tumorzellfusionen oder unfusionierte Zellen werden mit einem
Trick beseitigt: die gewählte Mäusetumorzellinie hat einen Defekt
im Gen für das Enzym Hypoxanthin-Guanin-Phosphoribosyltranferase (HGPRT),
das dazu benötigt wird, Purinbasen wiederzuverwerten. Diese Tumorzellen
sind daher auf ständige Neusynthese von Purinen angewiesen, für die
sie Tetrahydrofolsäure benötigen. Der Trick besteht nun darin, die
Regeneration von Tetrahydrofolsäure durch den Folsäureantagonisten
Aminopterin zu blockieren. Nach der Fusion werden alle Zellen in einem
Medium kultiviert, das Hypoxanthin
(als Ausgangsmaterial für das Recycling), Aminopterin
und Thymidin (für dessen
Produktion auch Tetrahydrofolsäure notwenig wäre) enthält: dem HAT-Medium.
Tumorzellen und Tumor-Tumor-Zellfusionen sterben nun durch Purinmangel
ab; B-Zell-Tumorzell-Fusionen benützen die aus der B-Zelle stammende
intakte Kopie des HGPRT-Gens, um aus Hypoxanthin wieder Purinnukleotide
herzustellen und können so proliferieren. Auf diese Weise besteht
die Zellkultur nach einiger Zeit nur mehr aus den gewünschten B-Zell-Tumorzell-Fusionen,
die nun über unbegrenztes Teilungspotential verfügen. Allerdings werden
nur wenige dieser Zellen den gewünschten Antikörper herstellen.
Um diese einzelnen Zellen zu finden und von
den anderen abzutrennen wird nun eine sogenannte limiting dilution durchgeführt: die Zellen werden mit viel Medium
verdünnt und so auf Mikrotiterplatten aufgeteilt, dass in jedem einzelnen
Mikrozellkulturgefäß höchstens eine Zelle sitzt. Wenn diese Zelle
proliferiert, sitzen in jedem Gefäß nur die identischen Nachkommen
dieser ersten Zelle: die Zellen in jedem Gefäß sind monoklonal. Um
aus den zu diesem Zeitpunkt bestehenden hunderten Zellklonen jene
zu finden, die den richtigen Antikörper produzieren, wird das Medium
jedes Zellklons auf Bindung des ursprünglichen Antigens, in unserem
Beispiel humanes IgM, getestet. Der positive Zellklon wird anschließend
in großem Maßstab kultiviert. Da er den gewünschten Antikörper kontiuierlich
ins Medium abgibt, kann man nun beliebige Mengen dieses monoklonalen
Antikörpers herstellen. Damit ist es theoretisch nur einmal nötig,
durch den aufwendigen Herstellungsprozess zu gehen. Monoklonale Antikörper
für die meisten diagnostisch wichtigen Makromoleküle sind heute kommerziell
erhältlich. Monoklonale Antikörper werden auch therapeutisch eingesetzt.
Da sie jedoch meist aus der Maus stammen, würden sie eine Immunreaktion
im Menschen auslösen. Aus diesem Grund müssen die für die Antigen-Bindung
nicht benötigten Regionen eines solchen Antikörpers mit gentechnischen
Methoden durch die entsprechenden menschlichen Sequenzen ersetzt werden.
Man spricht in diesem Fall von einem humanisierten monoklonalen Antikörper.
ELISA
Antikörperkonzentrationen können mit vielen
Methoden gemessen werden; die gebräuchlichste ist heute die Messung
mittels ELISA (enzyme-linked immunosorbent assay). Ein Test zur Bestimmung von
IgM gegen ein bestimmtes Virus zum Nachweis/Ausschluß einer rezenten
Infektion würde folgendermaßen ablaufen: Zunächst werden die Reagenzröhrchen
einer Mikrotiterplatte mit dem nachzuweisenden Antigen, in unserem
Beispiel dem Virusprotein, beschichtet; das Virusprotein bindet sich
dabei an das Plastik des Röhrchens. Dann werden mehrere Serumverdünnungen
des zu untersuchenden Patienten in einzelne beschichtete Röhrchen
gegeben. Sind Antikörper gegen das Virusprotein in diesem Serum enthalten,
binden sie daran. Ungebundene Serumbestandteile werden anschließend
weggewaschen. Schließlich wird ein Enzym-markierter (enzyme-linked)
monoklonaler Antikörper gegen humanes IgM zugegeben. Ist IgM aus dem
Patientenserum an das Virusprotein gebunden, bindet nun auch der monoklonale
Antikörper mit dem daran hängenden Enzym. Ist kein IgM gebunden, wird
auch der monoklonale Antikörper im anschließenden Waschprozeß wieder
weggewaschen. Der Nachweis von IgM erfolgt durch Zugabe eines farblosen
Substrats, das durch das Enzym in einen Farbstoff umgesetzt wird;
die Färbungsintensität wird photometrisch gemessen. Ist die Flüssigkeit
in den Röhrchen des Patienten gefärbt, enthält sein Serum IgM gegen
das Virus; bleibt sie farblos, ist kein virusspezifisches IgM in seinem
Serum vorhanden.
Western Blot (Immunoblot)
Manchmal, z. B. in der HIV-Diagnostik, wird
zum Nachweis von Antikörpern auch die Western Blot-Technik eingesetzt.
HIV-Proteine werden durch die Seife SDS in Lösung gebracht und denaturiert,
über ein Gel elektrophoretisch aufgetrennt und anschließend auf eine
Membran übertragen (blot=Löschpapier).
Die Membran mit gebundenen Virusproteinen wird dann gleich behandelt
wie die Virusprotein-beschichtete Mikrotiterplatte im vorher beschriebenen
ELISA: die Membran wird zunächst mit Patientenserum, dann mit einem
Enzym-markierten monoklonalen Antikörper inkubiert. Sind Antikörper
gegen das HIV-Virus im Patientenserum vorhanden, ergeben sich farbige
Banden auf der Membran.
Immunfluoreszenz
Möchte man wissen, ob sich Patienten-Antikörper
gegen bestimmte Zell- oder Gewebsstrukturen richten, eignet sich die
Methode der Immunfluoreszenz. Zum Nachweis von anti-nukleären Antikörpern
(ANA), die bei manchen Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen, kann
man Zellen oder einen Gewebsschnitt auf einen Objektträger bringen
und mit Patientenserum inkubieren. Binden sich Antikörper aus dem
Patientenserum an die Zellkerne, werden sie wieder mit einem markierten
monoklonalen Antikörper nachgewiesen. Die Markierung erfolgt in diesem
Fall allerdings mit einem sogenannten Fluorochrom, einem Farbstoff,
der nach Anregung mit einem kürzerwelligen Licht längerwelliges Fluoreszenzlicht
emittiert. Im positiven Fall leuchten die Zellkerne im Fluoreszenzmikroskop
also farbig auf; im negativen Fall –keine antinukleären Antikörper
vorhanden— bleiben sie dunkel.
Immunelektrophorese
Diese Untersuchung eignet sich besonders, um
das globale Vorhandensein von Antikörpern zu überprüfen. Serum des
Patienten wird zunächst in einem Gel normal elektrophoretisch aufgetrennt.
In eine parallel zur Auftrennungsrichtung verlaufende Rinne wird anschließend
Kaninchen-anti-Humanserum gefüllt. Die Kaninchen-Antikörper diffundieren
von der Seite auf die aufgetrennten humanen Serumproteine zu und formen
mit diesen am Äquivalenzpunkt sichtbare Präzipitate. Die Präzipitationslinien
für IgG, IgM und IgA geben Auskunft über das Vorhandensein dieser
Antikörperklassen im untersuchten Serum.
2.5 Die
Entstehung der Vielfalt der Antikörper
Wie ist es möglich, dass ein Mensch gegen praktisch
jedes in der Welt vorkommende Antigen Antikörper bilden kann? Polypeptidketten sind genetisch kodiert, aber
das menschliche Genom enthält nur ca. 25.000 Gene. Selbst wenn ein
großer Teil davon Antikörperketten kodierte, würde diese Zahl bei
weitem nicht ausreichen.
Die Antwort auf diese Frage wurde gefunden:
die Vielfalt entsteht durch rearrangement
(somatische Rekombination). Zur variablen Region eines Antikörpers
steuert sowohl die schwere Kette, als auch die leichte bei. Nun ist
der variable Anteil der Kette nicht einfach als Ganzes in der DNA
kodiert, sondern in getrennt liegenden Teilsegmenten. Für die variable
Region der schweren Kette gibt es drei getrennte Segmente: V, D und
J (variable, diversity,
joining). Jedes dieser Segmente ist nicht als Unikat vorhanden, sondern
in 65 (V), 27 (D) und 6 (J) sehr ähnlichen, aber doch unterschiedlichen
Variationen. Ein fertiger, für eine variable Region kodierender Genabschnitt
wird dadurch "zusammengewürfelt", dass nach dem Zufallsprinzip
ein V-Segment mit einem D-Segment und einem J–Segment rekombiniert
wird. Ein Enzymkomplex, der die RAG-Proteine (Recombination
Activating Gene) enthält, schneidet die dazwischenliegenden DNA-Stücke heraus,
und normale DNA-Reparaturproteine fügen die Gensegmente zusammen.
Rein durch das Zusammenfügen dieser Bausteine gibt es also 65x27x6=10.530
verschiedene Möglichkeiten, eine schwere Kette zusammenzustellen.
Aber das ist noch nicht alles. Bei der Rekombination kommt es häufig
zusätzlich zum Verlust oder, durch das Enzym terminale Desoxynucleotidyl-Transferase,
zum Hinzufügen einzelner Basen zwischen den drei Segmenten, was zu
zusätzlicher Variabilität führt (junktionale Variabilität oder imprecise
joining).
Sinngemäß derselbe Vorgang läuft an den Genorten
der leichten Kette ab, doch gibt es dort keine D-Segmente. Für κ
und λ-Lokus zusammen esistieren 320 Möglichkeiten, Gensegmente
für eine leicht Kette zusammenzufügen. Die Kombination von schwerer
mit leichter Kette im fertigen Antikörper stellt einen zusätzlichen
Mechanismus zur Generierung von Variabilität her. Allein, wenn man
die möglichen Würfelergebnisse in der Rekombination von schweren und
leichten Ketten berücksichtigt, also ohne imprecise joining, ergeben sich bereits
10.530x320=3,4x106 verschiedene Antikörpermoleküle.
Diese Prozesse der somatischen Rekombination
erfolgen in unreifen B-Zellen im Knochenmark. Durch das imprecise joining kommt es selbstverständlich regelmäßig (statistisch
in 2 von 3 Fällen) vor, dass der korrekte offene Leseraster im neu
zusammengesetzten Gen verloren geht. Dadurch sind zusätzliche Qualitätskontrollmechanismen
notwendig. Das erfogreiche rearrangement eines produktiven Schwerkettengens wird z. B. durch
eine spezielle Kinase, BTK (Bruton's tyrosine kinase), signalisiert.
Ein fehlendes Signal über die BTK impliziert Leserasterverschiebungen
auf beiden Schwerketten-Loci. Da eine B-Zelle in diesem Moment nutzlos
wird, geht sie dadurch automatisch in Apoptose; nur B-Zellen mit BTK-Signal
können sich weiter entwickeln. So wird eine B-Zelle mit einem funktionierenden
Antikörper fertiggestellt. Solange dieser Antikörper in der Zellmembran
verankert ist, wird er als B-Zell-Rezeptor bezeichnet. Der Unterschied
zwischen B-Zell-Rezeptor und sezerniertem Antikörper liegt in einer
Transmembrandomäne am Ende der schweren Kette, die durch alternative
splicing angefügt werden kann; ist sie vorhanden, bleibt der Antikörper
in der Membran hängen, fehlt sie, wird er sezerniert.
Im Lauf einer längerdauernden Immunantwort tritt
ein weiterer Mechanismus auf, der die Variabilität noch steigert:
somatische Hypermutation. In B-Zellen, die in den Keimzellen von Lymphfollikeln
rasch proliferieren, treten somatische Mutationen an bestimmten Stellen
mit dem Tausendfachen der normalen Rate auf. Dieser Vorgang führt
zu Punktmutationen in den Kodons, die für die direkt mit dem Antigen
interagierenden Proteinschleifen kodieren (complementarity
determining regions oder hypervariable
regions).
Welcher Mechanismus steckt hinter dieser lokal
stark gesteigerten Mutationsrate in B-Zellen? Für alle Zellen gilt,
dass die spontane Deaminierung von Cytosin zu Uracil durch Hydrolyse
einen der häufigsten DNA-Schäden darstellt. Ausschließlich B-Zellen
exprimieren ein Enzym, das diesen Prozess noch gezielt beschleunigt:
activation-induced cytidine deaminase (AID). Das geschieht nur in
intensiv transkribierten Regionen, da die DNA-Einzelstränge voneinander
getrennt sein müssen, damit das Enzym zugreifen kann. Die Deaminierung
entspricht einer Punktmutation: während Cytosin mit Guanin paart,
bildet Uracil zwei Wasserstoffbrücken mit Adenin aus. Sekundäre Reparaturporzesse
–Uracil ist in DNA ja nicht "erlaubt"— führen zu weiteren
Austauschmöglichkeiten. Einzelne dieser Punktmutationen werden die
Affinität des betroffenen Antikörpers steigern, und die entsprechende
B-Zelle in die Lage versetzen, eher am Antigen festzuhalten und länger
ein Proliferationssignal zu bekommen. Über einen längeren Zeitraum
fördert der Mechanismus der somatischen Hypermutation daher die Entstehung
affinerer Antikörper.
Zusammenfassend tragen also vier Mechanismen zur
Generierung der Vielfalt der Antikörper bei:
·
die kombinatorische Vielfalt
innerhalb der Ketten
·
die kombinatorische Vielfalt
durch Kombination von schweren und leichten Ketten
·
die junktionale Variabilität
(imprecise joining)
·
die somatische Hypermutation
Isotypenwechsel (class switch)
Durch Schneiden und Zusammenfügen von DNA geschieht
auch der Wechsel von IgM, das ja in der Immunantwort zunächst gebildet
wird, zu IgG oder einer anderen Immunglobulinklasse (Isotypenwechsel
oder class switch). Die Genabschnitte für die
konstanten Regionen der schweren Ketten liegen in einem großen Cluster
auf Chromosom 14. Den VDJ-Genabschnitten am nächsten liegt das Gen
für die konstante Region der µ-Kette, das zunächst exprimiert wird,
gefolgt von denen für δ, γ, α und ε. Wenn im Verlauf
der Immunantwort ein class switch eingeleitet wird, werden z.
B. die Gene für die konstante Region von μ und δ herausgeschnitten,
sodass die unveränderte VDJ-Kombination nun neben dem Gen für die
konstante Region von γ zu liegen kommt. Das führt dazu, dass
nun ein IgG gebildet wird, dessen variable Region, und damit Antigenspezifität,
ident ist mit der des vorher gebildeten IgM. Analog können, wenn dies
im Verlauf einer Immunantwort notwendig wird, IgA und IgE gebildet
werden. Die Steuerung für den class
switch erfolgt dabei durch Zytokine, die hauptsächlich von T-Zellen
stammen.
Class
switch erfolgt
örtlich und zeitlich parallel zur Hypermutation, im Keimzentrum von
Sekundärfollikeln, und beide Prozesse werden durch dasselbe Enzym,
AID, initiiert. AID führt in den sogenannten switch regions der Schwerkettengene, die
während der Transkription leicht einzelsträngige Schleifen bilden,
zu einer Deaminierung von Cytosin zu Uracil. Uracil stellt in DNA
eine "falsche Base" dar, die auch an anderen Stellen des
Genoms manchmal durch spontane hydrolytische Deaminierung von Cytosin
entsteht. Über den für diesen Fall vorgesehenen normalen Reparaturmechanismus
wird die DNA an diesen Stellen geschnitten: Zuerst entfernt das Enzym
UNG (Uracil-N-Glykosylase) das Uracil, dann die Endonuclease APE1
(apurinic/apyrimidinic endonuclease
1) auch noch die Ribose, sodass ein "Loch" im Einzelstrang
entsteht. Passiert dasselbe wenige Nucleotide weiter auch am Gegenstrang,
resultiert ein DNA-Doppelstrangbruch. Zwei auf diese Weise gleichzeitig
induzierte Doppelstrangbrüche können dazu führen, dass die Reparaturenzyme
des NHEJ (non-homologous end-joining)-Systems
die peripheren Fragmente unter Entfernung der dazwischenliegenden Schwerkettengene µ und δ
(und eventuell weitere) wieder aneinanderhängen. Das bestehende, rearrangierte
VDJ-Exon wird damit neben Exons gesetzt, die die konstante Region
einer schweren γ‑Kette (seltener α- oder ε‑Kette)
kodieren.
2.6
Wie werden nützliche von nutzlosen oder sogar schädlichen Antikörpern
unterschieden?
Die
Mechanismen zur Erzeugung der Antikörpervielfalt stellen eine Art
Zufallsgenerator dar. Zu erwarten ist, dass wenige nützliche (abhängig
von unvorhersehbaren zukünftigen Infektionen), viele nutzlose und
auch einige gefährliche Antikörper entstehen, die Strukturen des eigenen
Körpers angreifen könnten.
Zellklone, die Antikörper produzieren, die ubiquitäre
körpereigene Antigene erkennen, werden in einem frühen Entwicklungsstadium
abgetötet (klonale Deletion) oder in ein Stadium gebracht, in dem
sie zwar bestehen bleiben, aber nicht mehr reagieren können (klonale
Anergie). Diese Schutzmechanismen funktionieren allerdings nicht perfekt,
sodass es trotzdem zur Ausbildung von Autoantikörpern kommen kann.
Die Unterscheidung zwischen nützlichen und nutzlosen
Antikörpern wird durch das Antigen getrieben. Tritt eine Infektion
ein, treffen antigene Viren oder Bakterien auf eine große Population
von B-Zellen mit jeweils verschiedenen Antikörpern, die als "B-Zellrezeptor"
zunächst nur auf der Zelloberfläche sitzen. Hat der B-Zellrezeptor von einer der Millionen B-Zellen
zufällig die Eigenschaft, ein Antigen auf dem Erreger zu binden, wird
diese B-Zelle zur raschen Proliferation angeregt, während alle anderen
B-Zellen unbeeinflusst bleiben. Diesen Vorgang bezeichnet man als
"klonale Selektion": das Antigen "sucht sich die B-Zelle
mit dem passenden Antikörper aus" und regt diese zur Bildung
eines Klons von Tochterzellen an, die alle denselben "nützlichen"
Antikörper bilden.
Da
unser Immunsystem dauernd mit der Abwehr unterschwelliger Infektionen
beschäftigt ist, tragen wir insgesamt ziemlich viele Klone "nützlicher"
B-Zellen mit uns, sodass, wenn wir die Gesamtheit der B-Zellen betrachten,
der Anteil der "nützlichen" Zellen daran doch wesentlich
höher ist, als nach dem Zufallsgeneratorprinzip der Antikörpergenerierung
zu erwarten wäre.
2.7 T-Zell-Hilfe
Wegen der Gefahr der Bildung von Autoantikörpern
und Gründen der Regulierbarkeit wäre es offensichtlich gefährlich,
wenn der Kontakt des Antigens mit dem B-Zellrezeptor schon ausreichen
würde, um die Produktion einer massiven Menge dieses Antikörpers auszulösen.
Es bedarf deshalb, analog der Entsicherung einer Pistole, der Erfüllung
weiterer Bedingungen, um die Antikörperproduktion in Gang zu setzen.
Diese weiteren Bedingungen werden mit dem Kürzel "T-Zell-Hilfe"
bezeichnet.
Ausnahmen sind die so genannten T-Zell-unabhängigen
Antigene. Diese meist linearen Antigene mit repetitiven Epitopen sind
in der Lage, mehrere B-Zell-Rezeptoren quer zu vernetzen. Durch diese
Aktivierung kommt es aber nur zur Bildung von IgM, und diese Anitkörper
sind meist von geringer Affinität. Class
switch ist ohne T-Zell-Hilfe nicht möglich.
Um die Funktion von T-Zellen und das Zusammenspiel
von T-Zellen mit anderen Zellarten zu verstehen, ist es zunächst nötig,
sich mit den Organen des Immunsystems, dem T-Zellrezeptor und dem
MHC vertraut zu machen.
2.8 Organe
des Immunsystems
Man bezeichnet Knochenmark und Thymus als zentrale Organe des Immunsystems, da hier
aus hämatopoetischen Vorläuferzellen aus dem Knochenmark neue, "naive"
B- und T-Zellen gebildet werden; die somatischen Rekombinationsprozesse
zur Bildung der Antikörper- und T-Zellrezeptorvielfalt laufen hier
ab, ebenso der Prozeß der klonalen Deletion autoreaktiver Lymphozyten.
T-Zellen haben ihren Namen vom Thymus; B-Zellen den ihren eigentlich
von einem spezialisierten Organ im Huhn, der bursa fabricii. Dieses Organ existiert beim Menschen nicht; die entsprechenden
Vorgänge laufen im Knochenmark ab. Praktischerweise paßt der Name
immer noch: B- wie bone
marrow.
Fertige, naive B- und T-Zellen, sowie Vorstufen
von APC (antigen presenting cells) aus dem Knochenmark wandern
aus den zentralen Organen aus, durchwandern im Fall von T-Zellen und
APC die Gewebe und treffen sich in den peripheren lymphatischen Organen
wieder: Lymphknoten, GALT/Peyer-Plaques und Mandeln, BALT, Milz.
Lymphknoten haben einen Lymph-Zu- und Abfluss. Der Zufluss
der periphersten Lymphknoten besteht aus der interstitiellen Gewebsflüssigkeit,
die aus den Kapillaren abfiltriert wurde. In diesem Strom werden dauernd
"dendritische Zellen", spezialisierte APC, wie die Rücktransportform
der Langerhans-Zellen der Haut, antigenbeladen in den Lymphknoten
geschwemmt. Im regionalen Lymphknoten besteht damit zu jeder Zeit
ein Abbild der antigenen Situation im Einstromgebiet. Im Fall einer
entzündlichen Infektion werden auf diesem Weg außerdem Erreger direkt
in den Lymphknoten geschwemmt und hier sowohl von B-Zellrezeptoren
gebunden, als auch von Makrophagen aufgenommen, abgebaut und präsentiert.
Cortical finden sich B-Zellen in primären (ruhenden) und sekundären
(proliferierenden) Follikeln. Sekundäre Follikel haben ein "Keimzentrum",
in dem eine hochspezialisierte Zellart, "follikuläre dendritische
Zellen", komplexe Antigene wie Viren mittels Antikörpern auf
der Außenseite der Zelle fixiert, um die proliferierenden B-Zellen
mit einem kontinuierlichen Antigenstimulus zu versorgen. Am Rand des
Keimzentrums finden sich die benötigten T-Helferzellen. Paracortical
schließt sich die T-Zell-Zone an. In diesem Areal gibt es "Venolen
mit hohem Endothel", die darauf spezialisiert sind, T-Zellen
aus dem Blut zum Adhärieren und Einwandern zu bewegen. Noch weiter Richtung Sinus finden sich Markstränge
mit Makrophagen und Plasmazellen.
(Achtung: "dendritische Zellen" und
"follikuläre dendritische Zellen" sind völlig verschiedene
Zellarten, die nur durch eine ähnliche Morphologie –ihre Verzweigungen—
einen ähnlichen Namen bekommen haben. Dendritische Zellen sind spezialisierte
APC, die Antigene in der Peripherie ins Zellinnere aufnehmen, verarbeiten
und im Lymphknoten auf MHC-II präsentieren. Follikuläre dendritische
Zellen sitzen in den Keimzentren von Sekundärfollikeln und halten
komplexe Antigene auf der Außenseite ihrer Zellmembran mit Komplementrezeptoren
und Fc-Rezeptoren über lange Zeit fest, sodass B-Zellen durch diese
stimuliert werden können.)
GALT
(gut-associated lymphoid tissue)
umfasst die Peyer´schen Plaques des Dünndarms sowie über die gesamte
Fläche des Darms verstreute Lymphfollikel, Gaumenmandeln, Rachenmandel,
und Appendix, sowie funktionell auch die mesenterialen Lymphknoten.
Die Funktionseinheit des Peyer-Plaques besteht aus einem spezialisierten
Epithel mit M (microfold)-Zellen, die Antigene aus dem
Darmlumen transzytotisch durch das Epithel schleusen, und darunterliegendem
Lymphgewebe mit dendritischen Zellen, B-Zellfollikeln und peripheren
T-Helfer-Arealen. Klonale Nachkommen von im GALT aktivierten Lymphozyten
rezirkulieren nach ihrer Wanderung über Lymphgefäße und Blut wieder
ins GALT oder andere Mucosa-assoziierte Lymphgewebe. Die so gebildeten
Plasmazellen produzieren nach einem frühen class
switch großteils IgA, das durch die Schleimhaut ins Lumen transportiert
wird. Auf diese Weise werden nicht nur die eigenen Schleimhäute geschützt.
So gelangen z. B. sekretorische IgA-Antikörper gegen von der Mutter
erlebte gastrointestinale Pathogene auch in die Muttermilch und schützen
ihren Säugling vor genau diesen Pathogenen. Die transzytotische Aufnahme
von Material aus dem Darm ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits
gibt es dem Immunsystem die Möglichkeit, spezifische IgA-Barrieren
noch vor dem Darmepithel aufzubauen. Andererseits nützen manche Pathogene
(Shigella flexneri, Salmonella
typhimurium) diesen Transportweg als blinde Passagiere, um die
Epithelbarriere zu überwinden.
BALT
(bronchus-associated lymphoid
tissue) oder MALT
(mucosa-associated lymphoid
tissue) stellen Lymphgewebsansammlungen im Bronchialbaum und in
anderen Schleimhäuten dar, die weniger massiv und diffuser aufgebaut
sind als Peyer-Plaques, aber ähnliche Funktionen haben.
Die MILZ überwacht Antigene im Blut: man
könnte sie als einen großen Lymphknoten betrachten, der für das Blut
zuständig ist. Außerdem sequestriert sie gealterte Erythrozyten und
baut diese ab: die entsprechenden
Areale bezeichnet man als rote Pulpa. Sie entsorgt auch Antigen/Antikörperkomplexe,
die über C3b und den CR1-Rezeptor an die Oberfläche der Erythrozyten
gebunden in die Milz gespült werden. Inseln aus lymphatischem
Gewebe, die sogenannte weiße Pulpa, finden sich um die Endstrecken
von Arteriolen. Direkt um die Arteriole befindet sich eine T-Zell-Region
(PALS- periarteriolar lymphoid
sheath), umgeben von einer "B-Zell-Corona" mit Sekundärfollikeln.
Zusammengefaßt sind die peripheren Organe des Immunsystems Orte, an denen
·
Antigen (Bakterien, Viren
etc. oder deren Abbauprodukte)
·
B-Zellen
·
T-Zellen
·
APC
zusammengeführt werden, mit dem Ziel, eine Immunantwort
zu orchestrieren.
Für diese Kooperation ist ein kombinierter Andock/Erkennungsmechanismus
zwischen T-Zellen einerseits und APC bzw. B-Zellen andererseits wesentlich.
Dieser Andock/Erkennungsmechanismus beruht auf direktem Kontakt zwischen
T-Zell-Rezeptor, MHC-Molekül und Peptid-Antigen.
2.9 T-Zell-Rezeptor
T-Lymphozyten tragen an ihrer Oberfläche einen
"T-Zell-Rezeptor", mit dem sie kurze Antigen-Peptide erkennen
können, wenn diese ihnen auf MHC-Molekülen präsentiert werden. Für
diese Erkennung werden weitere Oberflächenproteine benötigt: CD4 oder
CD8. Da reife T-Lymphozyten nur entweder CD4 oder CD8 tragen, und
dieser Unterschied funktionell bedeutend ist, werden die T-Lymphozyten
grob in CD4-positive und in CD8-positive unterteilt.
(T-Zellen haben eine zentrale Position in der
Immunologie, doch sind unsere Kenntnisse über T-Zell-Subtypen äußerst
fragmentarisch. Bei unseren Überlegungen zur Funktion von T-Zellen
in den folgenden Abschnitten sollte uns immer bewusst sein, dass es
sich dabei um stark vereinfachte Modelle handelt.)
Sogenannte zytotoxische T-Zellen sind CD8-positiv.
Sie sind unmittelbar gefährlich: sie können z. B. virusbefallene Zellen
abtöten.
Sogenannte T-Helferzellen
sind CD4-positiv und wirken auf Umwegen. Es gibt davon drei Arten:
T-Helferzellen Typ1 (TH1), Typ2 (TH2) und Typ 17 (TH17). (Falls Sie den Eindruck haben sollten, diese Nomenklatur ignoriere die
einfachsten Grundsätze der Logik: Sie haben Recht!) Während TH1-Zellen ihre Hauptfunktion darin haben, Makrophagen
beim Abtöten intrazellulärer Erreger zu helfen, leisten TH2-Zellen Hilfe zur Antikörperproduktion. TH17-Zellen werden zur Zeit intensiv diskutiert.
Sie verstärken anscheinend in einer frühen Phase der adaptiven Immunreaktion
die Funktion neutrophiler Granulozyten.
Eine weitere T-Zell-Unterart
stellen die sogenannten regulatorischen T-Zellen dar. Sie sind meist
CD4-positiv und haben im Gegensatz zu den bisher erwähnten T-Zellarten
eine die Immunantwort bremsende Funktion.
Der T-Zell-Rezeptor ähnelt grob dem Fab-Fragment
eines Antikörpers: er besteht aus zwei Ketten (meist α:β,
alternativ γ:δ), und hat an der "Spitze" eine
variable Region. Diese wird
durch den selben Zufallsgenerator erzeugt, der für die Vielfalt der
Antikörper verantwortlich zeichnet. Die somatische Rekombination von
β-Ketten (Chromosom 7q) würfelt V-, D- und J-Segmente zusammen,
analog der schweren Immunglobulinkette. Die α-Ketten enthalten
nur V- und J-Segmente (Chromosom 14q), wie die leichten Ketten der
Immunglobuline. Die T-Zellrezeptorvielfalt beruht also auf denselben
Mechanismen wie die Antikörpervielfalt; allerdings gibt es keine somatische
Hypermutation. Der T-Zellrezeptor erkennt aber keine großen, chemisch
unterschiedlich aufgebauten Epitope, wie ein Antikörper, sondern lediglich
kleine lineare Peptide (8 bis 20 Aminosäuren); und auch diese nur,
wenn sie in den dafür vorgesehenen Spalt eines MHC-Moleküls eingebaut
sind.
2.10 MHC
MHC steht für major histocompatibility complex. Dieser Begriff bezeichnet eigentlich
einen Genlokus auf dem kurzen Arm von Chromosom 6, von dem man herausfand,
dass er für die Gewebeverträglichkeit zwischen Spender und Empfänger
von transplantiertem Material entscheidend ist. In diesem Genlokus
werden zwei ähnliche Arten von Oberflächenmolekülen kodiert, MHC-Klasse-I-
und MHC-Klasse-II-Moleküle, die eine Art "Ausweis" aller
Zellen gegenüber den T-Zellen darstellen. Generell dienen MHC-I-Moleküle
als Ausweis gegenüber zytotoxischen
(CD8-) T-Zellen; MHC-II-Moleküle als Ausweis gegenüber T-Helfer-(CD4-)-Zellen.
Worauf es gegenüber den T-Zellen ankommt, ist nicht so sehr der Ausweis
selbst, sondern das "Paßbild" im Ausweis, das Antigene im
Inneren der Zellen abbildet. Das molekulare Paßbild sind kurze Peptide
(8-20 Aminosäuren), die einfach Teile von im Inneren der Zelle kleingehackten
Proteinen sind und im dazu vorgesehenen Spalt von MHC-Molekülen beider
Klassen präsentiert werden. Die beiden Ausweistypen MHC-I und MHC-II
haben unterschiedliche Bedeutung und werden daher auch auf unterschiedlichen
Zellpopulationen exprimiert.
MHC-I präsentiert ein Abbild dessen, was in der Zelle synthetisiert wird. Ist eine
Zelle von einem Virus befallen, tauchen neben normalen, zellulären
Peptiden auch Viruspeptide in den MHC-I-Molekülen auf. Ist eine Zelle
maligne entartet, ist es möglich, dass Proteine exprimiert werden,
die sonst nur in der frühen Embryonalentwicklung exprimiert werden
und dem Immunsystem daher nicht bekannt sind. CD8-T-Zellen erkennen
diese Abweichungen und töten die verdächtigen Zellen. Dieser Überwachungsmechanismus
ist für alle Zellen sinnvoll und MHC-I-Moleküle werden damit auf allen
gekernten Zellen exprimiert. Wie wird MHC-I mit Peptiden beladen?
MHC-I wird direkt ins endoplasmatische Retikulum synthetisiert, zunächst
durch Hilfsmoleküle gestützt und an einen Peptidtransporter, TAP (transporter
associated with antigen processing), gekoppelt. Dieser transportiert
Peptide, die durch den Abbau zytoplasmatischer Proteine im Proteasom
entstehen, ins endoplasmatische Retikulum, wo sie, falls passend,
in die daneben verankerten MHC-I-Moleküle eingebaut werden. Der Einbau
löst das MHC-I-Molekül aus seinem Stützgerüst; das Peptid-beladene
MHC-I wird in einem Vesikel an die Zellmembran transportiert.
MHC-II präsentiert eigentlich extrazelluläres Material, das von APC
aufgenommen und kleingehackt wurde. Dadurch sollen CD4 exprimierende
T-Lymphozyten, hauptsächlich T-Helfer-Zellen, aktiviert werden. MHC-II-Expression
findet man daher gewöhnlich nur auf den so genannten "professionellen
Antigen-präsentierenden Zellen": dendritischen Zellen, Makrophagen
und B-Zellen. Dazu kommen noch einige Zellarten, die in Spezialsituationen
("aberrant") MHC-II exprimieren, wenn sie durch Zytokine
(besonders Interferon-γ aus TH1-Zellen) dazu angeregt
wurden, und Thymusepithelzellen, die zur Selektion nützlicher T-Zellen
beide MHC-Klassen konstitutiv exprimieren müssen (Details im nächsten
Abschnitt). MHC-II-Moleküle müssen nach der Synthese durch eine zusätzliche
Protein-Untereinheit (invariant
chain) davor geschützt werden, bereits im endoplasmatischen Retikulum
mit Peptiden beladen zu werden. Erst nach Verschmelzung des MHC-II-tragenden
Vesikels mit einem Endosom/Phagolysosom wird durch Ansäuerung und
mit Hilfe des HLA-DM-Moleküls der Peptidbindungsspalt für ein exogenes
Peptid freigemacht.
MHC-I-Moleküle bestehen aus einer im MHC kodierten
Kette, die in der Zellmembran verankert ist und die drei Domänen inklusive
des antigenbindenden Spalts ausbildet. Eine vierte Domäne wird durch
ein zusätzliches kleines extrazelluläres Protein, β2-Mikroglobulin,
gebildet, das nicht im MHC kodiert ist. Der Mensch hat drei Typen von MHC-I-Molekülen: HLA-A, HLA-B
und HLA-C. HLA ist eine alternative Bezeichnung für den menschlichen
MHC und steht für human leukocyte antigens.
MHC-II-Moleküle bestehen aus jeweils zwei Ketten,
α und β, die beide in der Zellmembran verankert sind. Auch
hier gibt es wieder drei Typen: DR, DQ und DP. Der Grund dafür, dass
es jeweils drei Typen von Klasse-I und Klasse-II-Molekülen gibt, ist
wahrscheinlich der, dass dadurch ein breiteres Spektrum von Antigen-Peptiden
präsentiert werden kann.
MHC-Polymorphismus und codominante Expression
Zwar hat jeder Mensch nur zwei HLA-A-Gene --eines
auf dem mütterlichen, eines auf dem väterlichen Chromosom 6-- doch
gibt es mehr als 700 verschiedene Allele für HLA-A –also Genvarianten
mit geringfügigen Unterschieden, von denen die meisten (mehr als 570)
auch zu Unterschieden im kodierten Protein führen. Der Großteil dieser
Veränderungen betrifft den Antigenbindungsspalt und hat damit Unterschiede
in der Bindungsfähigkeit für spezifische Antigen-Peptide zur Folge.
Der HLA-A-Locus ist damit polymorph. Es ist daher unwahrscheinlich,
dass eine Person zwei identische HLA-A-Gene trägt. Dasselbe gilt sinngemäß
für alle MHC-Gene mit Ausnahme von DRα, das bei fast allen Menschen
identisch ist.
Die beiden Allele eines Individuums werden jeweils
zugleich exprimiert-- da sich beide im Phänotyp bemerkbar machen und
keines das andere überlagert, spricht man von codominanter Expression.
Allele werden mit Locusbezeichnung-Stern-Zahlenkombination
(z. B. A*01010101 und A*02860101) bezeichnet, wobei die ersten zwei
Stellen eine Grobtypisierung mit versuchter Verbindung zur alten,
serologischen Nomenklatur darstellen, die nächsten zwei Stellen Subtypen
mit Aminosäureunterschieden, weitere Stellen Subtypen, die sich nur
auf der DNA, aber nicht auf der Proteinebene unterscheiden.
Die Kombination von Polygenie des Individuums
(9 Genloci: A, B, C, DRα, DRβ, DQα, DQβ, DPα,
DPβ) und Polymorphismus der Population (für 8 dieser 9 Loci)
führt dazu, dass es extrem unwahrscheinlich ist, zwei Individuen mit
identischem MHC zu finden.
Das führt zu Problemen bei der Organtransplantation,
da gegen MHC-Moleküle, die dem eigenen Immunsystem unbekannt sind,
eine heftige Immunantwort erfolgt— sowohl durch zytotoxische T-Zellen,
als auch durch Antikörper. Aus dieser Sicht ist der Polymorphismus
des MHC also sehr ungünstig.
Da die Evolution zu diesem extremen Polymorphismus
des MHC geführt hat, ist aber anzunehmen, dass dieser insgesamt einen
Selektionsvorteil für die menschliche Spezies mit sich bringt. Dieser
besteht wahrscheinlich darin, dass es für jeden Erreger HLA-Kombinationen
gibt, die es ermöglichen, diesen besonders effizient zu bekämpfen.
Man denke an die Pestepidemien im Mittelalter (z. B. im Jahr 1350):
wäre die Menschheit mit einem Einheits-MHC ausgestattet, wäre vielleicht
niemand übriggeblieben.
2.11 Selektion
nützlicher T-Zellen
Die Vorstufen fertiger T-Zellen im Thymus werden
als Thymozyten bezeichnet. Die
Mechanismen, die während dieses Reifungsprozesses dafür sorgen, dass
potentiell nützliche T-Zellen den Thymus verlassen, während unnütze
oder autoreaktive eliminiert werden, sind in großen Zügen bekannt.
Der Vorgang umfaßt zwei Stufen: positive und negative Selektion.
Positive
Selektion: Durch
den Zufallsgenerator der somatischen Rekombination entsteht eine große
Zahl von Thymozyten mit jeweils einem einzigartigen T-Zellrezeptor.
Entscheidend für die Brauchbarkeit des T-Zellrezeptors ist, ob er
prinzipiell in der Lage ist, eigene MHC-Moleküle zu erkennen— zunächst
einmal abgesehen vom spezifischen Peptid, das darin präsentiert wird.
Alle jene T-Zellrezeptoren, die durch ihre Zufallsentstehung eine
Form bekommen haben, die nicht mit den eigenen MHC-Molekülen zusammenpaßt,
sind von vornherein nutzlos. Man muß sie also loswerden. Wie? Die
Lösung ist verblüffend einfach: erfolgreiches Andocken des T-Zell-Rezeptors
an das MHC-Molekül des Thymusepithels bedeutet ein Überlebenssignal
für den Thymozyten: dieser wird positiv selektiert. Thymozyten, deren
T-Zellrezeptor nicht "passt", bekommen dieses Überlebenssignal
nicht und gehen nach einer gewissen Zeit der Vernachlässigung in Apoptose
(non-selection; death by neglect). Die positive Selektion bewirkt damit
eine Selbst-MHC-Restriktion: alle Zellen, die diesen Prozeß überstehen,
erkennen den eigenen MHC.
Negative Selektion: Unter all den Thymozyten,
die T-Zellrezeptoren exprimieren, die mehr oder weniger gut mit dem
eigenen MHC harmonieren, gibt es auch solche, die perfekt auf eine
Kombination von eigenem MHC mit darauf präsentiertem Selbst-Peptid
passen. Diese sind eigentlich unerwünscht, weil autoreaktiv und damit
gefährlich. Die Lösung dieses Problems besteht darin, dass eine sehr
starke Bindung zu einem qualitativ anderen Signal führt: es leitet
im Thymozyten Apoptose ein. Autoreaktive Thymozytenklone werden damit
"negativ selektiert", das heißt, eliminiert.
Das Ziel des gesamten Selektionsprozesses ist
es also, solche T-Zellen reifen zu lassen, die einerseits den eigenen
MHC "wackelig" erkennen, sodass es mit einem passenden Fremd-Peptid
zu einem vollen Aktivierungssignal kommen kann, die jedoch andererseits
nicht mit einem Selbst-Peptid aktiviert werden können.
Funktion von T-Zellen
T-Zellen haben grundsätzlich fünf Hauptfunktionen:
·
(CD4-) TH2-Zellen
leisten B-Zellen Hilfe, Antikörper herzustellen
·
(CD4-) TH1-Zellen
aktivieren Makrophagen, um aufgenommene intrazelluläre Erreger abzutöten
·
(CD4-) TH17-Zellen
verstärken die Rekrutierung von neutrophilen Granulozyten während
der frühen Phasen einer adaptive antibakteriellen Immunantwort
·
zytotoxische (CD8-) T-Zellen
töten virusbefallene Zellen
·
regulatorische T-Zellen (meist
CD4) bremsen andere Zellen des Immunsystems
2.12 Die
Rolle von TH2-Zellen im Ablauf einer humoralen Immunreaktion
TH2-Zellen stellen die T-Zell-Hilfe
zur Verfügung, die Bedingung für die Produktion spezifischer Antikörper
ist. Um diese Bedingung zu erfüllen, muß eine ganze Reihe von Schritten
abgelaufen sein. Stellen wir uns eine bakterielle Infektion nach einer
kleinen Verletzung der Mundschleimhaut
vor, und integrieren wir die bisher überlegten Einzelaspekte
zu einem sinnvollen Modell einer Immunantwort.
Durch die Verletzung kann das Bakterium die
Epithelbarriere leicht überwinden. Es dringt ins Bindegewebe unter
der Schleimhautverletzung ein und vermehrt sich zunächst relativ rasch.
Nichtadaptive Abwehrmaßnahmen laufen an: Komplement wird über den
alternativen und/oder Lektinweg aktiviert und rekrutiert chemotaktisch
die ersten neutrophilen Granulozyten und Makrophagen. Bakterielle
Moleküle aktivieren Makrophagen und gewebsständige dendritische Zellen
über Toll-like receptors.
Diese modifizieren ihre Genexpression: neuen Transmembranproteine
werden produziert, z. B. B7, und eine Palette von Zytokinen. Von den
Phagozyten freigesetzte Mediatoren lösen zusammen mit den aktivierten
Serumproteinsystemen eine Entzündungsreaktion aus. Bradykinin und
PGE2 verursachen Schmerz. Von Makrophagen freigesetztes TNFα
begrenzt die Entzündung lokal; ableitende Blutgefäße werden durch
Gerinnung verstopft. Zusammen mit der erhöhten Permeabilität verstärkt
das die Filtration ins Gewebe und verursacht Schwellung. Mit dem verstärkten
Lymphstrom werden sowohl freie Bakterien und -Bruchstücke als auch
Makrophagen in die regionalen Lymphknoten geschwemmt. Auch diese --am
Kieferwinkel oder um die Vena jugularis— schwellen schmerzhaft an.
Die im Lymphknoten ankommenden
dendritischen Zellen und Makrophagen haben die Erreger bzw. deren
Bruchstücke aufgenommen und "kleingehackt", d. h. die Antigene
zu Peptiden prozessiert. In den Phagolysosomen der APC gelangen solche
Peptide mit Hilfe von HLA-DM, das das CLIP-Peptid entfernt, in den
Spalt von MHC-II –Molekülen. Diese Kombination wird anschließend an
die Oberfläche der APC gebracht. Im Lymphknoten vorhandene und neue
über Venolen mit hohem Endothel eintreffende naive CD4-T-Zellen schieben
sich, angelockt durch Chemokin CCL18, an den APC vorbei. Die allermeisten
naiven T-Zellen erkennen mit ihren zufallsgenerierten T-Zellrezeptoren
die spezifische MHC-II-Bakterienpeptid-Kombination nicht. Ab und zu
jedoch kommt eine T-Zelle vorbei, deren Rezeptor genau passt. Es entsteht
ein mehrfacher Signalvorgang: ein Signal erreicht die T-Zelle über
den T-Zell-Rezeptor. Weitere Signale kommen über das Transmembranprotein
CD28 oder ähnliche Proteine, die die B7-Moleküle auf der APC erkennen,
sowie über weitere Oberflächenproteine und Zytokine. Abhängig von
der Art des Pathogens und anderen Faktoren, produzieren die dendritischen
Zellen verschiedene Kombinationen von Zytokinen: hauptsächlich IL‑4,
oder IFNγ plus IL‑12, oder IL‑6 plus TGFβ. Die
Gesamtheit dieser Signale von T-Zellrezeptor, CD28 und Zytokinrezeptor(en)
ist nötig, um die naive T-Zelle zu aktivieren: sie wird dadurch zu
einer raschen Proliferation angeregt. Es entsteht ein Zellklon: alle
Nachkommen haben den identischen, "nützlichen" T-Zellrezeptor
der ursprünglichen Zelle, der das bakterielle Peptid in Zusammenhang
mit MHC-II, z. B. einem der beiden HLA-DR-Moleküle erkennt. Die Zellen
des Klons differenzieren sich auch: abhängig von der Art des Erregers
und des Zytokinmilieus in der unmittelbaren Umgebung entstehen entweder
(CD4) TH2-, (CD4) TH1- oder (CD4) TH17-Zellen (später besprochen). Das momentane Vorhandensein
von IL‑4 fördert die Differenzierung Richtung TH2-Zellen. Sie
sind nun nicht mehr "naiv", sondern können "Effektorfunktionen"
ausüben. Diese Differenzierung drückt sich in einem veränderten Rezeptorbesatz
und der Fähigkeit zur Sekretion von Zytokinen aus: bei TH2-Zellen z. B. IL-4, IL-5, die für die Hilfe für
B-Zellen wichtig sind, sowie IL-3 und GM-CSF, die für vermehrte Nachproduktion
von Leukozyten im Knochenmark sorgen.
Im Lymphknoten kommen auch
die zahlreichen B-Zellen mit dem eingespülten Bakterienmaterial in
Berührung. Tritt das seltene Ereignis ein, dass eine B-Zelle einen
passenden B-Zellrezeptor für ein bakterielles Antigen besitzt, nimmt
die B-Zelle den gesamten Komplex –B-Zell-Rezeptor plus Bakterienteil—in
ein Vesikel auf, verarbeitet das Antigen, und präsentiert es ebenfalls
auf MHC-II-Molekülen. Die B-Zelle ist "gespannt", wird aber
noch nicht aktiviert: es fehlt noch die "Entsicherung".
Zu diesem Zeitpunkt befinden
sich im Lymphknoten also mehrere aktivierte TH2-Klone, von denen jeder nur ein spezifisches bakterielles
Peptid erkennt, und eine Anzahl von "gespannten" B-zellen,
die Peptide aus dem Molekül, das sie erkennen, auf MHC-II präsentieren.
Nun muss die letzte passende Kombination gefunden werden: erkennt
eine der TH2-Zellen gerade das von
einer B-Zelle präsentierte Peptid? Das erscheint auf den ersten Blick
sehr unwahrscheinlich. Doch aus zwei Gründen tritt genau das in der
Regel ein. Das eindringende Bakterium hat in der Regel einige Hauptproteine,
die in hoher Konzentration vorkommen. Wenn diese von einem-B-Zell-Rezeptor
erkannt werden, sind sie sicher auch von APC aufgenommen worden. Nachdem
dieses Protein in beiden Zelltypen von denselben Proteasen kleingehackt
wird, entstehen auch in beiden Zelltypen dieselben präsentierbaren
Peptide. Außerdem wird die Wahrscheinlichkeit durch die große Zahl
beteiligter Zellen gesteigert. Bei jeweils zehn TH2-Zellen und B-Zellen wäre
die Wahrscheinlichkeit, zusammenzupassen, sehr gering. Bei zehn Millionen
auf jeder Seite ist sie sehr hoch.
(Eigentlich wäre es um
vieles einfacher, wenn eine B-Zelle, die ja zur Antigen-Präsentation
befähigt ist, direkt eine naive T-Zelle aktivieren könnte. Das ist
jedoch in der Regel nicht der Fall. Andererseits würde ein solcher
linearer Mechanismus dem Entsicherungsprinzip widersprechen, das die
unabhängige Aktivierung dendritischer Zellen über Toll-like receptors als notwendige Bedingung
integriert.)
Früher oder später wird
eine der TH2-Effektorzellen auf eine
B-Zelle treffen, die gerade das richtige Peptid präsentiert. Die TH2-Zelle erkennt das auf dem B-Zell-MHC-II präsentierte
Antigen-Peptid, für das sie aktiviert ist. Sie schüttet gezielt IL-4 und IL-5 zur B-Zelle aus, und "reicht ihr die
CD40-Ligand-Hand". Nun sind alle Bedingungen erfüllt, um die
B-Zelle zu aktivieren: sie beginnt ihrerseits zu proliferieren und
wird zur Stamm-Mutter eines B-Zellklons. Einige der B-Zell-Töchter
reifen rasch aus und beginnen im Lymphknoten, IgM zu produzieren.
Andere werden zum Keimzentrum eines Sekundärfollikels. Follikuläre
dendritische Zellen fixieren bakterielles Antigen außen an ihrer Zelloberfäche,
um den entstehenden B-Zellklon mit ausreichender Stimulation über
den B-Zellrezeptor zu versorgen. Die B-Zell-Tochterzellen drängen
um dieses Antigen wie die Gäste um ein etwas knapp bemessenes kaltes
Buffet. Nur jene, die den Kontakt zum Antigen halten können, bekommen
weitere Proliferationsstimulation. In diesen Zellen werden sich somatische
Hypermutation und class switch
zu IgG ereignen. Bei Schleimhautinfektionen erfolgt oft auch schon
früh ein class switch zu IgA. Andere Tochterzellen
verlassen den Lymphknoten über das vas efferens, gelangen schließlich
ins Blut und siedeln sich als Plasmazellen in anderen Organen des
Immunsystems an, z. B.im Knochenmark.
Die entstehenden Antikörper tragen dazu bei, dass die
schon laufenden nicht-adaptiven Abwehrmechanismen wesentlich effizienter
eingesetzt werden: Komplementaktivierung, Opsonisierung und Phagozytose
werden nun gezielt gegen den Eindringling gerichtet und massiv verstärkt.
Wenn die Infektion erfolgreich bekämpft wurde, produzieren
ausgereifte Plasmazellen noch unterschiedlich lange Antikörper, sodass
eine gewisse Zeit lang ein Schutz vor Reinfektion besteht. Außerdem
differenzieren einige B-Zellen des aktivierten Klons zu sogenannten
Gedächtniszellen (memory cells),
die sozusagen "eingemotteten" aktivierten Zellen entsprechen
und die im Gegensatz zu anderen aktivierten Zellen über Jahre überleben
können. Tritt der Erreger später wieder in Erscheinung, können diese
wesentlich schneller reaktiviert werden, als bei einer Erstinfektion.
Die humorale Immunreaktion bei einer Zweitinfektion ist daher schneller
und stärker. Man bezeichnet dieses Phänomen als "immunologisches
Gedächtnis".
2.13 Die
Rolle von TH1-Zellen
Auch TH1-Zellen helfen B-Zellen, Antikörper
zu produzieren, doch haben sie weiter gehende Fähigkeiten. Eine Reihe
von Pathogenen, z. B. Mycobakterien und Leishmanien, sind in der Lage, intrazellulär zu überleben.
Mycobacterium tuberculosis ist das Musterbeispiel
für Bakterien, die von (Alveolar-) Makrophagen zwar über TLR‑2
erkannt und phagozytiert, aber zunächst nicht abgetötet werden. Sie
vermehren sich sogar in den Phagosomen, geschützt vor Antikörpern.
Als Antwort auf diese Bedrohung hat die Evolution einen Mechanismus
entwickelt, Makrophagen in einen qualitativ veränderten, "aktivierten"
Zustand zu versetzen, in denen es ihnen doch gelingt, mit den Erregern
fertig zu werden. TH1-Zellen erledigen diese Spezialaufgabe
mit Hilfe des Signalmoleküls Interferon-γ (IFNγ).
Auch
wenn Mycobakterien intrazellulär überleben und sich vermehren können,
werden doch immer wieder Bakterien abgebaut. Mycobakterienpeptide
werden dadurch von dendritischen Zellen und Makrophagen, z. B. in
einem Hiluslymphknoten, gemeinsam mit kostimulatorischen B7-Molekülen
in relativ hoher Dichte auf MHC-II präsentiert. Erkennt eine vorbeikommende
naive (CD4-) T-Zelle diese Peptide, wird sie aktiviert. Durch die
zusätzlich von der präsentierenden Zelle produzierten Zytokine IL‑12
und IFNγ entwickelt sie sich zu einer TH1-Zelle und
geht in eine Phase der klonalen Expansion.
Die entstehenden TH1-Effektorzellen durchstreifen
die Gewebe. Treffen sie auf Mycobakterienpeptid-präsentierende Makrophagen,
was im typischen Fall natürlich im Lymphknoten selbst und im ersten
Infektionsherd in der Lunge geschieht (zusammen "Primärkomplex"
genannt) exprimieren sie IFNγ und ein Oberflächenmolekül, CD40-Ligand.
Der präsentierende Makrophage erkennt IFNγ mit seinem entsprechenden
Rezeptor und CD40-Ligand mit dem Partnermolekül CD40, und beide Zellen
reagieren auf die Interaktion mit der Freisetzung von TNF-α.
Diese Dreifachstimulation des Makrophagen löst eine Reihe von Effekten aus:
·
bessere Verschmelzung der Phagosomen
mit Lysosomen
·
Produktion des bakterizid wirkenden
NO durch die induzierbare NO-Synthase (iNOS)
·
Bildung von zahlreichen reaktiven Sauerstoffverbindungen
·
Induktion antimikrobieller Peptide
TH1-Zellen koordinieren die Immunantwort durch
weitere Zytokine. Sie beschleunigen ihre eigene Proliferation durch
IL-2. Naive T-Zellen exprimieren nur die β und γ-Kette des IL‑2-Rezeptors, doch weder die α-Kette
(CD25) noch IL‑2 selbst. Die Aktivierung leitet die Expression
dieser beiden Proteine ein; mit Hilfe der α-Kette wird der hochaffine
IL‑2-Rezeptor zusammengesetzt. IL-3 und GM-CSF treiben die Nachproduktion
neuer Phagozyten im Knochenmark an. CCL2 (monocyte
chemotactic protein) lockt neue Makrophagen an den Infektionsherd.
Das sowohl aus Makrophagen wie aus TH1-Zellen stammende
TNF-α verändert das Gefäßendothel, sodass Monozyten im Blutstrom
die "Ausstiegsstelle" erkennen. Sollte das Abtöten der Bakterien
nicht gelingen, lösen weitere Mechanismen, wie die Expression von
Fas-Ligand, Apoptose aus. Ein Teil der Erreger wird im Abbau-Sturm
untergehen, für den Rest bekommt der nächste Makrophage seine Chance.
Pharmakologische Querverstrebung: Ciclosporin A (Sandimmun®) und Tacrolimus
(Prograf®) wirken immunsuppressiv hauptsächlich durch Interferenz
mit der IL-2-Rückkoppelungsschleife. Sie verhindern die Expression
von IL‑2 und damit die Proliferation einer aktivierten T-Zelle
zu einem Effektorzellklon. Alle Effektor-T-Zelltypen sind in ihrer
Proliferation von autokrinem IL-2 abhängig; Treg-Zellen benötigen zwar IL‑2, können es aber
nicht selbst produzieren.
Auch TH1-Zellen bilden memory cells. Diese sind für das harte, rote Hautknötchen im Fall
eines positiven Mendel-Mantoux-Test verantwortlich, wenn das Immunsystem
vorher schon einmal in Kontakt mit Tuberkelbakterien war.
Manchmal gelingt es trotz aller Bemühungen nicht, die
Infektionsquelle zu eliminieren. TH1-Zellen sind auch in
diesem Fall noch von Nutzen, indem sie zur Granulombildung beitragen.
In Granulomen werden die Erreger zumindest eingemauert. Fehlen die
TH1-Zellen, z. B. durch eine fortgeschrittene AIDS-Infektion,
bricht diese Mauer zusammen: Tuberkulose breitet sich rasch aus und
führt zum Tod des Patienten.
2.14 Die
Rolle von TH17-Zellen
In der frühen Phase einer bakteriellen Infektion kann
eine Kombination von IL‑6 und TGFβ aus aktivierten dendritischen
Zellen im Lymphknoten naive T-Zellen zur Differenzierung zu TH17-Zellen
aktivieren. Ihr absurder Name rührt von der Tatsache her, dass sie
weder IL‑4 noch IFNγ sezernieren, aber große Mengen von
IL‑17 (der Name TH3 war bereits für eine Untergruppe
der regulatorischen T-Zellen vergeben). Effektor-TH17-Zellen
verlassen den Lymphknoten und migrieren zum Infektionsherd. Dort treffen
sie wieder auf ihre spezifischen Antigen-Peptide, die ihnen von Makrophagen
auf MHC-II präsentiert werden, und sezernieren daraufhin IL‑17
und IL‑22. Der Großteil aller Zellen exprimiert IL‑17-Rezeptoren.
Epitheliale Zellen, z. B. Keratinozyten, und Fibroblasten im Infektionsgebiet
reagieren darauf mit der Ausschüttung bestimmter Chemokine, die neutrophile
Granulozyten anlocken, sowie der Ausschüttung von GM‑CSF und
G‑CSF, die Produktion und Freisetzung von Neutrophilen im Knochenmark
ankurbeln. Die Kombination von IL‑17 und IL‑22 bringt
Keratinozyten dazu, Defensine zu produzieren, die Bakterien abtöten
können. In Summe verstärken TH17-Zellen also nicht-adaptive
Abwehrmechanismen, so wie Antikörper nicht-adaptive Abwehrmechanismen
verstärken.
2.15 Die
Rolle von zytotoxischen T-Zellen
Viren befallen oft nur spezifische Zellpopulationen.
Im peripheren Gewebe ist eine
Virusinfektion für naive T-Zellen aber nicht erkennbar. Wie erreicht
also die Information des Virusbefalls naive T-Zellen? Viele Gewebe
enthalten dendritische Zellen ("professionelle APC"), die
die Fähigkeit besitzen, nach Virusinfektion in den Lymphknoten zu
wandern und dort Virusantigene zu präsentieren. Dort präsentiert die
APC via MHC-I in der Zelle entstandenes Virusmaterial naiven CD8-T-Zellen.
Kommt die "richtige" Zelle vorbei, wird sie aktiviert, beginnt
zu proliferieren und bildet einen zytotoxischen T-Zellklon mit Spezifität
für die Kombination von eigenem MHC-I mit Virusantigen. Die fertigen
Effektorzellen zirkulieren durch alle Gewebe und kontrollieren alle
Zellen, an denen sie vorbeikommen. Erkennen sie eine Zelle, die das
Viruspeptid auf MHC-I präsentiert, leiten sie in der entsprechenden
Zelle Apoptose ein. Dazu besitzen sie zwei Mechanismen.
Der erste besteht in der Sekretion von Perforin und Granzymen.
Beide sind in Granula gepeichert und werden nach Antigenerkennung
freigesetzt. Perforin polymerisiert in der Membran der Zielzelle zu
einer großen Pore. Durch diese Pore werden die Granzyme ins Zellinnere
geschleust. Dort aktivieren sie Caspasen, spezifische Proteasen, die
die Apoptosemaschinerie in Gang setzen.
Der zweite Mechanismus der Apoptoseeinleitung ist die
Induktion des Oberflächenmoleküls Fas-Ligand. Wenn die virusbefallene
Zielzelle das Partnermolekül Fas auf der Oberfläche exprimiert, genügt
der Kontakt zwischen Fas-Ligand und Fas, um in der Zielzelle Caspasen
zu aktivieren. Die zytotoxische T-Zelle selbst wird durch diese Vorgänge
nicht berührt. Sie geht alsbald auf die Suche nach der nächsten befallenen
Zelle.
Die Funktion von cytotoxischen Zellen ist nicht auf virus-infizierte
Zellen beschränkt. Falls z. B. eine maligne entartete Zelle ein Peptid
auf MHC-I präsentiert, das dem Immunsystem nicht bekannt ist, kann
diese Zelle angegriffen werden unter der Voraussetzung, dass sie auch
ko-stimulatorische Moleküle exprimiert. Leider ist das selten der
Fall.
Da das Erkennen von Abweichungen in Zellen an die Funktion von MHC-I gebunden ist ("MHC-I-restringiert"
ist), wird auch klar, dass es einen Mechanismus geben muss, der Zellen
beseitigt, die nicht ausreichend MHC-I bilden, um ihren Inhalt zuverlässig
überwachen zu können. Diesen Reservemechanismus stellen NK-Zellen
dar (Kein Ausweis?— Rübe ab!).
Ziel der zytotoxischen Immunantwort ist es, durch Zerstören
der befallenen Zellen die Vermehrung des Virus zu stoppen. Normalerweise
können die so eintretenden Zellverluste leicht durch Proliferation
nicht-befallener Zellen wieder ausgeglichen werden. Wenn Virusbefall
und die zytotoxische Immunantwort aber massiv ausfallen, kann es zu
schweren Schäden kommen, die eigentlich nicht durch das Virus, sondern
erst durch die Abwehr bedingt sind. Ein Beispiel dafür ist eine akute
gelbe Leberdystrophie bei Hepatitis-B-Infektion.
Virusbefallene dendritische Zellen können aber auch TH2-Zellen
aktivieren. Während in der Zelle produziertes Virusmaterial zunächst
nur auf MHC-I präsentiert werden kann, gelangen die Hüllproteine des
Virus in die Zellmembran, um das Knospen neuer Viren zu ermöglichen.
Von dort können sie via Endozytose in Vesikel aufgenommen, prozessiert
und auf MHC-II wieder an die Oberfläche gebracht werden. So werden
TH2-Zellen aktiviert und mit deren Hilfe Antikörperantworten
besonders gegen virale Hüllproteine induziert. Die Folge sind oft
hochwirksame neutralisierende Antikörper.
2.16 Regulatorische
T-Zellen (Treg)
In
manchen Tiermodellen für Autoimmun- oder Transplatatabstoßungsreaktionen
kann man den Effekt einer Antigen-spezifischen T-Zellpopulation beobachten,
die den gewebsschädigenden Effekt anderer T-Zellklone unterdrückt
und damit der Autoimmunreaktion bzw. der Transplatatabstoßung entgegenwirkt.
So
kann der Transfer eines bestimmten, Insulin-spezifischen T-Zellklons
in die NOD-Maus (Non-Obese Diabetic mouse, ein Modell für
Typ I Diabetes), die Zerstörung von β-Zellen durch autoreaktive
T-Zellen verhindern. Diese sogenannten regulatorischen T-Zellen üben
ihre Wirkung direkt in den Inseln aus, hauptsächlich durch Freisetzung
von TGF-β und IL-10, die andere T-Zellen in ihrer Funktion hemmen.
Regulatorische T-Zellen sind meist CD4-positiv und zeigen einen aktivierten
Zustand, d. h. sie exprimieren die α-Kette des IL-2-Rezeptors,
CD25. Viele sind charakterisiert durch die Expression des Transkriptionsfaktors
forkhead box P3 (FOXP3).
Mutationen im FOXP3-Gen führen zu einem schweren Krankheitsbild mit
multiplen Autoimmunphänomenen, dem IPEX-Syndrom (Immunodysregulation, Polyendocrinopathy and Enteropathy, X-linked),
das häufig in den ersten Lebensmonaten oder -Jahren zum Tod führt,
wenn es nicht gelingt, früh eine Stammzelltransplantation durchzuführen.
Es
gibt also neben immunstimulierenden T-Zell-Arten, wie T-Helfer-Zellen
und zytotoxischen T-Zellen, noch weitere T-Zellpopulationen, die den
gegenteiligen Effekt haben. Diese Zellen wurden daher einige Jahre
als T-Suppressorzellen bezeichnet. Wie aus dem NOD-Beispiel ersichtlich,
ist der Nachweis solcher Zellen nur in sehr komplexen Modellen möglich,
die meist verschiedene Interpretationen zulassen. In einer Phase erheblicher
Zweifel geriet der Name T-Suppressorzellen in Verruf; heute, mit aufgrund
neuer Daten neu gestärkter Zuversicht, spricht man lieber von regulatorischen
T-Zellen (Treg).
Manche
regulatorischen T-Zellen differenzieren bereits im Thymus, andere
erst in der Peripherie, ausgehend von naiven CD4-T-Zellen. Wenn in
der Peripherie alles ruhig ist, gelangen keine aufregenden Zytokine
in den Lymphknoten: kein IL‑6, kein IL‑4, kein IL‑12
und kein IFNγ. In den Lymphknoten gelangen nur alte, unaufgeregte,
dendritische Zellen ohne kostimulatorische Moleküle, die lediglich
etwas TGFβ und "langweilige" Selbst-Peptide präsentieren.
In dieser Normalsituation scheinen naive T-Zellen dazu angeregt zu
werden, regulatorische T-Zellen zu werden, die Immunantworten gegen
Selbst verhindern: ein Wachdienst zur Aufrechterhaltung des Status quo.
Die
Bedeutung dieser regulatorischen T-Zellen beim Menschen, die Bedingungen
für ihre Entstehung –wann entstehen aktivierende T-Helferzellen, wann
bremsende regulatorische T-Zellen?-- und die Mechanismen ihrer regulatorischen
Funktion bleiben weiterhin unzureichend verstanden und Gegenstand
intensiver Forschungsbemühungen.
2.17 γ:δ-T-Zellen
Die bisher besprochenen T-Zell-Unterarten exprimieren
jeweils α:β-T-Zell-Rezeptoren. γ:δ-T-Zellen sind
in ihrer Funktion noch nicht geklärt. Sie kommen vor allem in Epithelien
der Körperoberfläche (Haut, Darm) vor und exprimieren einen TCR, der
aus durch Rearrangement entstehenden γ- und δ-Ketten aufgebaut
ist. Trotzdem ist die Vielfalt der so entstehenden
Rezeptoren gering, und die meisten Rezeptoren scheinen funktionell
homogen zu reagieren. Diese Rezeptoren sind nicht auf präsentierenden
MHC angewiesen und erkennen anscheinend größere Moleküle statt kleiner
Peptide. Wahrscheinlich erkennen die Rezeptoren nicht das mikrobielle
Antigen, sondern eine uniforme Veränderung des Epithels, die im Lauf
verschiedener Infektionen auftritt. Viele γ:δ-T-Zellen erkennen
z. B. heat shock- oder Stressproteine,
die bei vielen exogenen Irritationen auf Epithelzellen auftreten.
2.18 Lymphozytenpopulationen,
FACS-Diagnostik
Es gibt viele Situationen, in denen man aus diagnostischen
Gründen mehr über die Zusammensetzung der Lymphozyten in Blut, Knochenmark
oder einer anderen Körperflüssigkeit wissen möchte. Leider kann man
die Transmembranproteine, die die funktionellen Unterschiede widerspiegeln,
im Mikroskop nicht sehen. Trotzdem ist es möglich, diese Art von Informationen
zu erhalten, wenn auch mit beträchtlichem technischen Aufwand. Das
dazu benötigte Gerät heißt Durchflusszytometer oder englisch FACS
(fluorescence-activated cell sorter). Es existieren zwei Ausbaustufen:
die einfachere Version kann Zellen nur analysieren; die zweite Ausbaustufe,
auf die sich die Bezeichnung FACS eigentlich bezieht, kann Zellen
auch sortieren, das heißt, Zellen gezielt in verschiedene Röhrchen
einfächern.
Eine
praktisch häufig benötigte Untersuchung ist die Bestimmung der Zahl
der CD4- und CD8-Lymphozyten, z. B. zur Beurteilung des Therapieerfolgs
von HIV-Patienten. Man nimmt dem Patienten ein Röhrchen Blut ab und
"färbt" die Zellen mit monoklonalen Antikörpern gegen CD4
und CD8, wovon der eine mit einem grün, der andere mit einem rot emittierenden
Fluoreszenzfarbstoff gekoppelt ist. Die Erythrozyten werden lysiert,
sodass nur die Leukozyten im FACS analysiert werden. Das Medium mit
den Leukozyten wird durch eine dünne, vibrierende Düse senkrecht nach
unten gespritzt. Unmittelbar unter der Düse scheint ein kurzwelliger
Laser durch den Flüssigkeitsstrahl. Trifft eine Zelle auf das Laserlicht,
wird dieses in verschiedene Richtungen gestreut; falls die Zelle Fluorochrom-markierte
Antikörper gebunden hat, regt das Laserlicht auch die Emission von
Fluoreszenzlicht an. Vier Aspekte dieses Ereignisses werden durch
vier verschiedene Detektoren registriert:
1.
Forward scatter,
Streuung des Laserlichts in Lichtrichtung, korreliert mit der Größe
der Zelle.
2.
Side scatter, Streuung zur Seite, korreliert mit der Granularität
der Zelle.
3.
Grünes Fluoreszenzlicht.
4.
Rotes Fluoreszenzlicht.
Auf diese Weise werden in wenigen Sekunden 10.000 Zellen
analysiert, wobei für jede dieser Zellen die beschriebenen vier Lichtintensitäten
festgehalten werden. Mit diesen Daten ist es möglich, die Hauptleukozytenpopulationen
anhand der Intensität von forward und side scatter
in einem dot plot zu identifizieren:
die neutrophilen Granulozyten sind relativ groß (hoher Wert im forward scatter) und sehr granulär (hoher
Wert im side scatter); die
Monozyten sind ebenfalls groß, aber weniger granulär; die Lymphozyten
sind klein und homogen. In einem zweiten Analyseschritt überprüft
man die so identifizierten Lymphozyten im Hinblick auf die mitregistrierten
Fluoreszenzwerte: es stellt sich heraus, dass es unter diesen Lymphozyten
grüne, rote sowie solche gibt, die weder grünes noch rotes Fluoreszenzlicht
emittieren. Grün fluoreszierende Lymphozyten sind also CD4-Lymphozyten,
da sie den Antikörper gegen CD4 gebunden haben. Rote Lymphozyten sind
CD8-Lymphozyten. Lymphozyten, die weder grün noch rot fluoreszieren,
haben keinen der beiden Antikörper gebunden und können B-Lymphozyten,
γ:δ-Zellen oder NK-Zellen sein.
Das Sortieren von Zellen wird dadurch ermöglicht, dass
der zellhaltige Flüssigkeitsstrahl durch das Vibrieren der Düse bald
in einzelne Tröpfchen genau definierter Größe zerbricht. Nur jedes
zehnte oder zwanzigste dieser Tröpfchen enthält eine Zelle. Durch
den vorgeschalteten Laser mit Detektoren "weiß" die FACS-Elektronik,
wann ein Tröpfchen mit einer Zelle mit bestimmten Charakteristiken
abreißt. Unmittelbar vor es abreißt, kann sie der Düse –und damit
dem Tröpfchen— noch eine elektrische Spannung anlegen. Reißt das Tröpfchen
ab, nimmt es die zu diesem Zeitpunkt bestehende elektrische Ladung
mit sich. Will man z. B. CD4- und CD8-Lymphozyten für weitere Untersuchungen
von den anderen Leukozyten abtrennen, kann man Tröpfchen mit grün
fluoreszierenden (CD4) Zellen eine positive, rot fluoreszierenden
(CD8) eine negative Ladung mitgeben. Beidseits des weiteren Weges
des Tröpfchenstrahls sind elektrisch geladene Ablenkplatten angeordnet,
die die negativ geladenen Tröpfchen in die eine, die positiven in
die andere Richtung ablenken. CD4-Zellen fallen damit z. B. in das
rechte Röhrchen, CD8-Zellen in das linke, alle anderen Zellen –B-Lymphozyten,
NK-Zellen, Granulozyten, Monozyten— erhalten keine Ladung, werden
nicht abgelenkt und fallen ins mittlere Röhrchen. Diese Methodik ist
selbstverständlich nicht auf CD4/CD8-Zellen oder Lymphozyten beschränkt;
mit ihr kann man jede Zellpopulation sortieren, die mit Hilfe von
monoklonalen Antikörpern definiert werden kann.
2.19 Lokale
Immunität
Das lokale Immunsystem überwacht die
riesigen inneren Grenzflächen des Organismus nach außen: die zarten
Schleimhäute des Gastrointestinaltrakts, der Atmungswege und des Urogenitaltrakts.
Besonders die Darmschleimhaut kommt mit ungeheuren Mengen von potentiell
antigen wirksamem Fremdmaterial in Berührung, das überwiegend harmlos
ist und toleriert werden muss, während es jederzeit auf das Auftauchen
von Pathogenen überwacht werden muss. Analog der systemischen, besteht
die lokale Immunität aus unspezifischen und adaptiven Komponenten.
Zur unspezifischen Abwehr des Darms
tragen Paneth-Zellen bei, die am Grund der Krypten zwischen den epithelialen
Stammzellen sitzen und diese schützen. Paneth-Zellen erkennen Pathogene
über Toll-like receptors und reagieren mit Ausschüttung
von Defensinen und Lysozym. Defensine sind kurze Peptide mit hydrophoben,
positiv geladenen Enden, die sich in Erregermembranen einpflanzen
und porenartige Strukturen bilden, welche die Funktion von Bakterien
und Pilzen stören. Lysozym ist ein Enzym, das die Peptidoglykanschicht
bakterieller Zellwände angreift. Es ist auch in vielen anderen Schleimhautsekreten
enthalten, wie z. B. Tränenflüssigkeit, Speichel und Muttermilch.
Adaptive
Mechanismen der lokalen Immunität sorgen für eine auf die Schleimhäute
beschränkte und spezialisierte Immunantwort. Wie die systemischen
Mechanismen beruhen sie auf den besprochenen Funktionen von dendritischen
Zellen, T- und B-Zellen; der wesentlichen Unterschied liegt darin,
dass im Schleimhautsystem aktivierte Lymphozyten nach ihrer klonalen
Expansion und der Reise durch das Blut wieder in Schleimhautgebiete
zurückkehren.
Peyer-Plaques
und IgA wurden bereits besprochen. Peyer-Plaques stellen organisiertes
lymphatisches Gewebe in der Wand des Dünndarms dar. Ihr spezialisiertes
Epithel enthält zahlreiche M-Zellen, die komplexes Material aus dem
Darm transzytotisch in die Lamina propria transportieren. M-Zellen
haben eine stark gefältelte basolaterale Membran, die flächigen direkten
Kontekt mit dendritschen Zellen und Lymphzyten ermöglicht. Manche
dendritische Zellen drängen sogar einen Zellfortsatz zwischen die
Enterozyten, um direkt Material aus dem Darmlumen aufzunehmen. Dendritische
Zellen beladen sich also intensiv mit Antigenen des Darminhalts, die
sie naiven T-Zellen entweder vor Ort, in der lamina propria, oder in mesenterialen Lymphknoten
präsentieren. Während dieses Vorgangs werden die T-Zellen instruiert,
spezielle Chemokinrezeptoren und Integrine zu exprimieren, die sie
später, nach klonaler Expansion, in das Schleimhautsystem zurückleiten.
Frisch aktivierte T-Zellen verlassen also den Peyer-Plaque oder den
mesenterialen Lymphknoten, gelangen über Lymphgefäße und ductus
thoracicus in das Blut, kehren aber, über den ganzen Körper verteilt,
in verschiedene Schleimhautgebiete zurück, z. B. in jene der Atemwege,
des Verdauungstrakts oder der aktiven Brustdrüse. In der Schleimhaut
findet man T-Zellen in zwei Gebieten: direkt zwischen Epithelzellen
(IEL, intraepithelial lymphocytes) und darunter,
in der lamina propria.
IEL
sind vorwiegend CD8+ T-Zellen. Ins Epithel werden sie durch ein spezielles
Integrin mit Affinität zu E-Cadherin geleitet. E-Cadherin ist das
wesentliche Adhäsionsprotein zur gegenseitigen Verankerung von Epithelzellen.
Zusätzlich zu ihrem spezifischen T-Zell-Rezeptor exprimieren IEL den
aktivierenden NK-Rezeptor NKG2D, der das Zellstress-induzierte MHC-I-verwandte
Transmembranprotein MICA erkennt. IEL sind daher auch dazu befähigt,
geschädigte Enterozyten über diesen unspezifischen Mechanismus zu
erkennen und zu eliminieren.
Ein
großer Anteil der T-Zellen in der lamina
propria sind regulatorische T-Zellen (Treg), die besonders
TGF‑β (transforming growth
factor β)
sezernieren. Diese Zellen sind wesentlich für die Aufrechterhaltung
der immunologischen Toleranz gegenüber Lebensmittelantigenen und kommensalen
Bakterien. Eine orale Aufnahme eines Proteinantigens macht eine systemische
Immunreaktion gegen dieses Antigen wesentlich weniger wahrscheinlich.
Diese "orale Tolerisierung" kann experimentell im Mausmodell
durch Fütterung mit dem Hühnereiweiß Ovalbumin demonstriert werden:
während eine Kontrollgruppe auf eine Ovalbumininjektion mit starker
Antikörper-Produktion reagiert, reagieren die Ovalbumin-gefütterten
Mäuse kaum. Dieses Konzept der oralen Toleranz liegt Versuchen zugrunde,
Pollenallergie durch sublinguale Verabreichung von Pollenantigen-Präparaten
(z. B., Grazax®, Oralair®) zu therapieren. Fehlfunktionen
in der oralen Tolerisierung führen zu Erkrankungen wie inflammatory bowel disease und Zöliakie. TGF‑β aus Treg-Zellen
der lamina propria stimuliert
darüber hinaus B-Zellen zum class
switch zu IgA.
Antigen-spezifische
B-Zellen produzieren nach ihrer Aktivierung und Expansion in Peyer-Plaques
oder mesenterialen Lymphknoten für kurze Zeit IgM, wechseln aber rasch
zu IgA, rezirkulieren und kehren ebenfalls in die lamina
propria der Schleimhaut verschiedener Organsysteme zurück, um
dort große Mengen von IgA-Dimeren zu sezernieren. Dieser Mechanismus
erlaubt stillenden Müttern, schützendes IgA gegen selbst erlebte Darmpathogene
an ihre Säuglinge weiterzugeben. Dimeres IgA wird von epithelialen
Zellen, z. B. von Enterozyten oder Mammaepithelzellen, mit Hilfe des
Poly-Ig-Rezeptors aufgenommen und transzytotisch ins Lumen transportiert.
Dort wird es durch enzymatische Spaltung des Rezeptors freigesetzt.
Ein Teil des Rezeptors verbleibt als secretory component (SC) am IgA-Dimer, das in dieser Form als sekretorisches
IgA (sIgA) bezeichnet wird. SC schützt sIgA im Verdauungstrakt vor
dem proteolytischen Abbau. Seine starke Glykosylierung verankert und
konzentriert das sIgA in der dünnen Schleimschicht über dem Epithel.
sIgA verhindert den Kontakt von Bakterien, Viren und Toxinen mit deren
Rezeptoren auf Enterozyten. Zusätzlich ermöglicht der Transzytoseprozess,
bereits eingedrungene Erreger wieder hinter das Epithel zurückzuwerfen.
Das sIgA-Repertoire im Darm umfasst auch Antikörper gegen kommensale
Bakterien, Spezifitäten, die bei Gesunden im Serum nicht nachweisbar
sind. Diese Antikörper sind Teil unserer kooperativen Beziehung mit
den Kommensalen: "Leute, im Lumen könnt ihr treiben, was ihr
wollt, aber die Enterozyten lasst ihr bitte in Ruhe!"
2.20 Immunologisches
Gedächtnis
Bei jeder Immunreaktion werden nicht nur reife Effektorzellen
gebildet, sondern einige der Zellen bleiben in einem zwar aktivierten,
aber nicht ausgereiften Stadium stehen, in dem sie über sehr lange
Zeit überleben können. Die Immunologie nennt diese Zellen memory cells (Gedächtniszellen). (Ausgereifte Effektorzellen, wie
Plasmazellen, haben nur eine sehr begrenzte Lebensdauer und sterben
anschließend durch Apoptose).
Bei einer Reinfektion mit dem selben Erreger werden keine
neuen naiven B- oder T-Zellen aktiviert, sondern die Gedächtniszellen.
Das hat zwei Vorteile. Erstens dauert diese Reaktivierung nur ein
bis zwei, statt fünf oder mehr Tage. Zweitens haben die B-Gedächtniszellen
bereits eine Phase der Hypermutation hinter sich, sodass einige von
ihnen Antikörper mit höherer Affinität als die ursprünglichen produzieren
können. Nur solche mit höherer Affinität werden durch das erneut auftretende
Antigen selektiert, da die B-Zellrezeptoren der Gedächtniszellen in
direkter Konkurrenz mit den noch bestehenden
löslichen Antikörpern der Primärantwort um das Antigen stehen.
Sekundär-, Tertiärantworten etc. zeichnen sich also dadurch
aus, dass sie schneller erfolgen und immer höheraffine Antikörper
hervorbringen.
3.
IMPFUNG
Impfungen sind die verbreitetste Anwendung der Immunologie.
Impfungen zielen darauf ab, das immunologische Gedächtnis zum Schutz
vor einer Ersterkrankung zu nutzen. Wie bei einer primären Immunreaktion
ist es wichtig, dass die Art der induzierten Immunantwort der Lokalisation
und den Pathogenitätsmechanismen des Erregers gerecht wird.
Die Krankheitserscheinungen von Diphtherie und Tetanus
werden ausschließlich durch ihre stark wirksamen Toxine vermittelt.
Bei diesen Krankheiten ist es daher gar nicht so wichtig, gegen den
Erreger vorzugehen. Von größter Bedeutung ist es aber, dass von vornherein
eine ausreichende Konzentration von neutralisierenden Antikörpern
gegen die Toxine vorhanden ist, sodass diese unwirksam werden.
Bei Polio ist es wichtig, das Virus
abzufangen, vor es die Zellen des Nervensystems befallen kann. Eine
Bekämpfung dort durch CD8-T-Zellen käme zu spät. Daher sind neutralisierende
Antikörper noch im Darm oder im Serum unabdingbar.
Gegen Polio wurden kurz hintereinander zwei Impfstoffe
entwickelt: der inaktivierte Impfstoff nach Salk, der injiziert wird
und die Bildung neutralisierender IgG im Blut bewirkt, und der Lebendimpfstoff
nach Sabin, der in Form einer Schluckimpfung zu einer lokalen Immunität
führt, bei denen das Virus bereits im Lumen das Darms durch sekretorisches
IgA abgefangen wird. Der Lebendimpfstoff ist logistisch leichter anzuwenden
(keine Nadeln, etc.), hat aber auch einen Nachteil: Typ3 der drei
Virustypen ist am wenigsten abgesichert (10 von 7429 Nucleotiden)
und löst durch Rückmutation in 1 unter 1,000.000 Neugeimpften Lähmungen
aus (VAPP: vaccine-associated
paralytic polio). In Österreich wurde daher vor einigen Jahren
wieder vom Lebendimpfstoff auf den inaktivierten Impfstoff umgestellt:
In Ländern mit guter medizinischer Infrastruktur, hoher Impfrate und
geringer Polio-Inzidenz ist es sinnvoll, das kleine VAPP-Risiko durch
Anwendung des inaktivierten Impstoffes zu umgehen. In Ländern mit
weniger entwickelter Infrastruktur (Kühlkette? Nadelmangel?), geringeren
Impfraten und höherer Polio-Inzidenz verhindert der weitere Kreis
an Impflingen, den man durch die vereinfachte Logistik der Schluckimpfung
erreicht, wesentlich mehr echte Poliofälle als VAPP-Fälle verursacht
werden; in diesen Ländern ist daher die Anwendung des Lebendimpfstoffes
die sinnvollere Variante.
Impfungen bringen objektiv Risiken
mit sich; die Diskussion darüber ist daher oft sehr emotional. Wesentlich
ist es, die jeweiligen Risiken bei einer Entscheidung für bzw. gegen
eine bestimmte Impfung zu quantifizieren und gegeneinander abzuwägen.
Betrachten wir das Beispiel Masern. Manchmal wird von Eltern die Ansicht
vertreten, Masern sei eine harmlose Kinderkrankheit, die man früher
auch leicht ohne Impfung überstanden habe; eine Impfung sei ein unnötiges
Risiko. Aus der Erfahrung des Einzelnen klingt das plausibel, doch
ist das die ganze Wahrheit? Der Masernimpfstoff ist ein Lebendimpstoff,
der zwei Ziele hat: die Induktion von zytotoxischen T-Zellen, sowie
die Induktion von neutralisierenden IgG. Ein kleines Risiko besteht:
viele Kinder bekommen Fieber,
manche bekommen Impfmasern,
eine stark abgeschwächte Form der Erkrankung mit erkennbarem Hautausschlag.
Es ist nicht völlig auszuschließen, dass durch eine Masernimpfung
extrem selten eine Masern-Encephalitis ausgelöst wird, doch
tritt ein mögliches solches Ereignis jedenfalls seltener als einmal
in einer Million Geimpften auf (bei so seltenen Ereignissen ist es
sehr schwer möglich, die Kausalität zu ermitteln). Wesentlich höher
sind die Risiken im Fall einer Masernerkrankung eines Nichtgeimpften.
Die häufigste Komplikation ist eine sehr schmerzhafte Otitis.
Mit einer Häufigkeit von 1:200 tritt eine Pneumonie
auf, für die wir im Gegensatz zu bakteriellen Lungenentzündungen keine
wirksamen Behandlungmöglichkeiten haben. Eine Masern-Encephalitis tritt mit einer Häufigkeit zwischen 1:1000 und
1:5000 auf; diese Komplikation hat eine Mortatiltät von etwa 15%,
und auch im Fall einer Heilung bleiben leider häufig Defekte zurück.
Als schwerste Komplikation tritt sehr selten viele Jahre später die
tödliche subakut sklerosierende Panencephalitis
auf. Als konkrete Illustration des Risikos, das durch nicht-Impfung
entsteht, sei eine vor wenigen Jahren (1999) in den Niederlanden dokumentierte
Masern-Epidemie erwähnt: Etwa
2300 erkrankte Personen (logischerweise fast ausschließlich Impfgegner)
wurden gemeldet. Drei Kinder starben, 53 mussten stationär aufgenommen
werden, davon 30 mit Pneumonie, 4 mit Encephalitis und 19 mit anderen
Komplikationen. 130 Personen wurden zu Hause wegen Lungenentzündung
behandelt, 152 mit Otitis media.
Solange es nur einzelne Personen sind, die sich aus Angst
vor dem Risiko einer Impfung nicht impfen lassen, profitieren diese,
ethisch nicht unproblematisch, doppelt: sie tragen selbst kein Risiko,
sind jedoch durch die Herdenimmunität der überwiegenden Mehrheit der
Geimpften geschützt. Wird der Anteil der Impfgegner allerdings zu
hoch, schlägt die Risikolage ins Gegenteil um, wie im Beispiel der
niederländischen Masernepidemie ersichtlich.
Zurück zu Impfmechanismen. Auch die für medizinisches
Personal äußerst wichtige Hepatitis-B-Impfung beruht auf der Induktion
neutralisierender Antikörper, sodass eventuell infizierende Viren
die Leberzellen gar nicht erreichen. Der Impfstoff besteht in diesem
Fall aus gentechnisch hergestelltem HBs-Antigen, das sich zu leeren
Virushüllen zusammenlagert. Die Entstehung eines pathogenen Virus
durch Mutation, wie bei Lebendimpfstoffen prinzipiell –und äußerst
selten—möglich, ist auf diese Weise völlig ausgeschlossen.
Die meisten gegen virale Erkrankungen eingesetzten Impfstoffe
enthalten allerdings attenuierte Lebendviren. Will man beispielsweise
gegen das Masernvirus auch CD8-T-Gedächtniszellen induzieren, ist
das mit "totem Material" nicht möglich: um eine CD8-T-Zellantwort
zu induzieren, muß ja in der Zelle synthetisiertes Virusmaterial auf
MHC-I präsentiert werden. Dazu muß der Virus vermehrungsfähig, aber
harmlos sein. Diesen Zustand kann man durch Passagen des Virus über
tierische Zellen erreichen: das Virus paßt sich durch Mutation und
Selektion der anderen Spezies an und funktioniert dann in menschlichen
Zellen nicht mehr so gut. Mit der modernen Gentechnologie können solche
das Virus abschwächenden Mutationen aber auch direkt, ohne den Umweg
über Tierpassagen, eingebracht werden.
Anders verhält es sich bei Impfstoffen gegen bakteriell
ausgelöste Erkrankungen. Während man in den Anfangszeiten der Impfpraxis
notwendigerweise mit einfach herzustellenden, aber biologisch sehr
komplexen Impfstoffen wie abgetöteten Bakterien arbeitete, versucht
man heute, wenn immer möglich, mit wenigen, definierten Antigenen
zu immunisieren, um die Rate an Nebenwirkungen möglichst gering zu
halten.
Manche dieser Impfmoleküle wirken
auf den ersten Blick eigenartig. Erinnern wir uns an die T-Zell-Hilfe,
die zur Entsicherung von B-Zellen benötigt wird, um die Enststehung
von unnötigen oder gefährlichen Antikörpern zu vermeiden. Viele pathogene
Bakterien, z. B. Haemophilus influenzae und Streptococcus
pneumoniae, tragen eine Polysaccharid-Kapsel, die sie für Neutrophile
unsichtbar macht. Eine Impfung, die Antikörper gegen diese Polysaccharide
induziert, löst dieses Problem, da solche Antikörper effizient opsonisierend
wirken. Benützt man allerdings isolierte Kapselpolysaccharide als
Impfstoff, werden, besonders bei Kindern, ungenügende Antikörper-Antworten
erzielt. Warum? Die T-Zell-Hilfe fehlt! Eine T-Zelle kann nur helfen,
wenn ihr die B-Zelle einen Peptid-Teil des Antigens auf MHC-II präsentiert.
Im Fall eines reinen Polysaccharid-Antigens hat die B-Zelle nichts
zu präsentieren: Polysaccharide passen nicht in den Spalt von MHC-Molekülen.
Die Lösung besteht in einem Trick: wir koppeln ein kleines Protein
an das Polysaccharid. Dieses Protein muss nicht einmal von H. influenzae
stammen; im Gegenteil, der Trick funktioniert noch besser, wenn wir
ein Protein benützen, gegen das die Kinder aus früheren Impfungen
mit Sicherheit schon TH2-Zellen besitzen, z. B. Tetanustoxoid. Der
"Konjugat-Impfstoff" gegen H.
influenzae besteht also aus Polysacchariden von H. influenzae, die an das Toxoid von Clostridium tetani gekoppelt sind. Eine B-Zelle mit einem auf das
Polysaccharid passenden Rezeptor/Antikörper erkennt das Molekül, internalisiert
das gesamte "absurde" Molekül über den endosomalen Weg und
präsentiert Peptide aus dem Toxoid auf MHC-II. Massenhaft Tetanustoxoid-Peptid-spezifische
TH2-Zellen stehen bereit, da das betroffene Kind in den erste Lebensmonaten
wiederholt mit Tetanustoxoid als Bestandteil des polyvalenten Impfstoffes
gegen Diphtherie, Pertussis, Tetanus etc. immunisiert wurde. Die Message
der TH2-Zelle an die B-Zelle: "Passt! Mach' viel von deinem Antikörper!".
Der Netto-Effekt: die anti-Tetanus-TH2-Zelle entsichert die anti-Hämophilus
B-Zelle. Eigenartig? Es funktioniert!
Auch ein so optimiertes Impfmolekül löst alleine oft
noch keine befriedigende Immunantwort aus. Dendritische Zellen können
TH2-Zellen nur aktivieren, wenn sie kostimulatorische Moleküle
wie B7 exprimieren. Dies wiederum bedingt die Aktivierung von pattern
recognition receptors (PRRs) durch bakterielle pathogen-associated molecular patterns (PAMPs). Alte, empirisch entwickelte
Immunisierungsprotokolle benützten bestimmte Zusätze, sogenannte Adjuvantien,
die bakterielle PAMPs enthielten. Das klassische Adjuvans zur Gewinnung
von Tiersera war das "komplette Freund'sche Adjuvans", das
aus in Mineralöl aufgeschwemmtem, Hitze-inaktiviertem Mycobacterium tuberculosis bestand. Die älteren humanen Impfstoffe,
die aus groben Präparationen abgetöteter Bakterien bestanden, enthielten
dadurch ihre eigenen Adjuvantien. Moderne humane Impstoffe enthalten
ebenfalls Adjuvantien, die Kostimulation fördern sollen, aber weniger
Nebenwirkungen auslösen. Das verbreitetste Adjuvans in Humanimpfstoffen
sind Partikel aus Aluminiumsalzen (alum).
Diese führen zur Aktivierung von NOD-like
receptors und des Inflammasoms und damit zur Expression der benötigten
kostimularischen Moleküle.
Impfungen, die reine T-Zell-Antworten zum Ziel haben,
sind im allgemeinen weniger wirksam als solche, die neutralisierende
Antikörper auslösen. Ein Beispiel ist die Impfung gegen Tuberkulose,
die eine frühe und verstärkte TH1-Antwort bewirken soll.
Die französischen Impfpioniere A. Calmette und C. Guérin züchteten
einen Stamm von Mycobacterium bovis über Jahre in einem Medium aus
Kartoffel, Galle und Glyzerin. Das so attenuierte Bakterium, Bacille
Calmette Guérin (BCG) konnte dann als Lebendimpstoff gegen Tuberkulose
eingesetzt werden. Es induzierte Mykobakterien-spezifische TH1 memory cells. Allerdings war der Impfschutz
nur relativ, nur in 60-80% der Geimpften nachweisbar, hielt nur wenige
Jahre an und hatte den Nachteil, dass der Mendel-Mantoux-Test positiv
wurde, sodass dieses einfache diagnostische Mittel nicht mehr eingesetzt
werden konnte. Die BCG-Impfung wurde daher in den meisten Ländern
wieder abgeschafft.
Eine brilliant klingende, bisher aber nicht zur Routineanwendung
gereifte Idee ist jene der DNA-Immunisierung. Sie besteht darin, dass
man Plasmid-DNA, die das Impfantigen codiert, direkt in den Muskel
injiziert oder, mit einer Luftdruck-gene
gun, schießt.
4.
VERSAGEN DER ABWEHR
Für das Versagen der Abwehr gibt es genetische Gründe,
erworbene (acquired immunodeficiency
syndrome –AIDS— durch HIV) sowie solche, die sich aus der Koevolution
von mikrobiellen Erregern mit dem Menschen herleiten.
4.1 Genetisch
bedingte Immundefizienzsyndrome
Genetisch
bedingte Immundefizienzen sind in der Mehrzahl außerordentlich seltene
Erkrankungen, die jedoch instruktiv für die Bedeutung einzelner Komponenten
des menschlichen Abwehrsystems sind. Je nach betroffenem Gen sind
folgende Systeme defekt:
·
T- und B-Zell-Funktion: severe combined immunodeficiency (SCID)
·
die globale Antikörperantwort oder
Teile davon
·
Phagozytose
·
Komplementfunktion
Dazu kommen einige Syndrome, bei denen Defekte des Immunsystems
lediglich Teil eines komplexeren Krankheitsbildes sind. Hier sollen
nur wenige Beispiele kurz angerissen werden.
SCID
Mehrere genetische Defekte führen zu SCID, z. B. solche,
die RAG-Proteine betreffen und zur Folge haben, dass weder Antikörper-Gene
noch T-Zell-Rezeptorgene rearrangiert werden können. Die häufigeren
Ursachen für SCID sind jedoch Gendefekte, die primär die T-Zell-Entwicklung
verhindern. Die Bedeutung der T-Zell-Hilfe für Antikörperantworten
zeigt sich darin, dass Patienten mit diesen Gendefekten auch keine
effiziente Antikörperantwort ausbilden.
Die autosomal rezessiven Defizienzen zweier Enzyme des
Purinstoffwechsels, ADA- und PNP, beeinträchtigen besonders die Entwicklung
von T-Lymphozyten. Adenosin-Deaminase (ADA)
deaminiert (Desoxy‑) Adenosin zu (Desoxy‑) Inosin. Purin-Nukleosid-Phosphorylase
(PNP) spaltet (Desoxy‑) Inosin und (Desoxy‑) Guanosin
in Base und Ribose-1-Phosphat. Beide Defekte führen zu einer Akkumulation
von dAMP/dATP. Hohe dATP-Konzentrationen führen zu einer Produkthemmung
der Ribonukleotid-Reduktase, die aus Ribonukleotiden Desoxyribonukleotide
macht, und hemmen so durch einen Mangel an dGTP, dCTP und dTTP die
DNA-Synthese. Der Grund, warum T-Lymphozyten durch diesen toxischen
Effekt stärker betroffen sind als andere Zellen, könnte darin liegen,
dass im Thymus, wo mehr als 95% der Thymozyten in Apoptose gehen,
durch DNA-Abbau lokal besonders hohe Konzentrationen von dAMP/dATP
entstehen. ADA-Defizienz kann durch Infusion von Polyethylenglykol-gekoppelter
ADA (PEG-ADA) behandelt werden, die natürlich nur extrazellulär wirkt;
doch werden intrazelluläre Konzentrationen rasch über einen Nukleosid-Transporter
äquilibriert. ADA-Defizienz war die erste Krankheit, die man durch
somatische Gentherapie zu heilen versuchte, indem man eine funktionierende
Version des Gens zuerst in T‑Zellen, später in hämatopoetische
Stammzellen einbrachte. Zwar gelang es, das fehlende Enzym in einem
Teil der T-Zellen zu ersetzen, doch war dieser Anteil bei den meisten
bisher dokumentierten Kindern zu gering, um die Immundefizienz zu
heilen.
Am erfolgreichsten waren Gentherapie-Versuche bisher
bei einer weiteren Form der Erkrankung, X-linked
SCID. X-linked SCID
wurde erstmals weithin bekannt durch den "bubble
boy", einen kleinen Jungen, den man versuchte, in einer keimfreien
Plastikblase am Leben zu erhalten; er starb 1984 im Alter von 12 Jahren
nach einer versuchten Knochenmarktransplantation. Bei dieser häufigsten
Form von SCID entwickeln sich keine T-Zellen, bedingt durch einen
X-chromosomalen Defekt in der gemeinsamen γ-Kette mehrerer Interleukinrezeptoren,
darunter IL-2, IL-4, IL-7, IL-9 und IL-15. Eine gesunde Kopie dieser
γ-Kette wurde beim Gentherapie-Versuch durch ein Retrovirus in
hämatopoetische Stammzellen der betroffenen Kinder eingeführt. Die
Kinder entwickelten daraufhin T-Zellen und waren imstande, auf typische
Impfungen wie Diphtherie, Tetanus und Polio mit normalen Immunantworten
zu reagieren. Der Euphorie folgte allerdings die Ernüchterung sowie
der Abbruch dieser Versuche, nachdem zwei von fünfzehn Buben eine
T-Zell-Leukämie entwickelten. Nachforschungen ergaben, dass das als
Vektor eingesetzte Retrovirus sich jeweils in der Nähe eines Protoonkogens,
LMO2, inseriert hatte. Die Überexpression dieses durch sogenannte
insertionale Mutagenese aktivierten Onkogens hatte die T-Zell-Leukämie
ausgelöst.
Antikörper-Defizienzsyndrome
Auch auf Ebene der B-Zellen gibt es ein X-chromosomal
vererbtes Immundefizienzsyndrom, X-chromosomale Agammaglobulinämie
oder Bruton- Agammaglobulinämie. Bei dieser Krankheit fehlt die Tyrosinkinase
Btk (Bruton´s tyrosine kinase), die für die
Signalübertragung einer Vorstufe des B-Zellrezeptors nach rearrangement der schweren Kette in Prä-B-Zellen notwendig ist. Ohne
dieses Signal entwickeln sich in den betroffenen männlichen Kindern
keine reifen B-Zellen und damit keine Antikörper. Die Kinder werden
durch rezidivierende Infektionen mit Eiter-bildenden Bakterien wie
Pneumokokken auffällig.
Beim X-chromosomal rezessiven hyper IgM-Syndrom findet man normale T- und B-Zellen sowie einen hohen
Serumspiegel von T-Zell-unabhängigem IgM, jedoch keine anderen Immunglobulinklassen.
Das defekte Molekül ist CD40-Ligand, mit dem TH2-Zellen
den B-Zellen, sowie TH1-Zellen den Makrophagen Hilfe geben.
Ohne T-Zell-Hilfe gibt es keinen Immunglobulin class
switch. Die Kinder leiden unter häufigen Infektionen mit extrazellulären
Bakterien sowie durch Pneumocystis
jirovecii, der sonst problemlos durch aktivierte Makrophagen bekämpft
wird.
Es gibt weitere Ursachen von class switch-Problemen, z. B. das durch AID-Defekte verursachte hyper IgM-Syndrome Type 2. Isotypenwechsel
(class switch recombination)
und somatische Hypermutation werden durch dasselbe Enzym eingeleitet:
AID (activation-induced cytidine
deaminase), das Cytosin zu Uracil umwandelt. Uracil wird dann
durch UNG (Uracil-DNA-Glycosylase)
aus dem DNA-Strang entfernt, gefolgt von weiteren Schritten, die zu
Schnitten des DNA-Doppelstrangs in den sogenannten switch
regions führen (siehe Abschnitt 2.5).
Dieser Prozess ist notwendig, um die Zelle von IgM zu IgG oder
IgA umschwenken zu lassen. Defekte der AID und UNG führen damit ebenfalls
zu einem Fehlen von IgG und IgA bei normalem oder erhöhtem IgM.
Die häufigste Form der Immunglobulindefizienz ist mit
1:800 ein selektiver IgA-Mangel. Da die meisten betroffenen Kinder
nur milde Symptome zeigen (alle Kinder sind manchmal krank...), wird
die Diagnose nur selten gestellt. Stärker betroffene Kinder leiden
unter rezidivierenden Schleimhautinfektionen wie Mittelohrentzündung,
Nasennebenhöhlen-Entzündungen und Bronchitis, jeweils mit Neigung
zur Chronifizierung, sowie Pneumonie und Darminfektionen. Auch Allergien
und Autoimmunphänomene treten häufiger auf. Kritisch wird nach wiederholter
Transfusion von Blutprodukten die Neigung, Anti-IgA-Antikörper zu
bilden. Die genetische Basis des selektiven IgA-Mangels ist noch unzureichend
geklärt.
Selektiver IgA-Mangel könnte eine schwach ausgeprägte
Form eines anderen Krankheitsbildes sein, das als common variable immunodeficiency (CVID) bezeichnet wird, da die beiden
Erkrankungen manchmal in ein und derselben Familie vorkommen. CVID
ist mit ca. 1:25000 seltener und genetisch heterogen. CVID ist durch
rezidivierende Infektionen des Atmungs- und/oder Gastrointestinaltrakts
gekennzeichnet, die nicht vor dem 3. Lebensjahr, meist jedoch erst
im zweiten oder dritten Lebensjahrzehnt auffallen. Typisch sind schlechte
oder fehlende Impftiter. Ursache ist eine Hypogammaglobulinämie mit
erniedrigten IgG- und IgA-, aber häufig normalen IgM-Spiegeln. Einige
CVID-auslösende Gendefekte sind geklärt, die aber jeweils nur für
wenige Prozent aller Patienten verantwortlich zeichnen. Betroffen
sind Transmembranproteine, die (zusätzlich zum unbedingt notwendigen
CD40L-CD40-Kontakt) für die Keimzentrums-lokalisierten Funktionen
Isotypenwechsel (class switch)
und somatische Hypermutation notwendig sind, die ihrerseits wieder
Voraussetzung für die Ausbildung von funktionstüchtigen B-memory
cells sind. Zu diesen Molekülen gehören ICOS, TACI und CD19. In einzelnen Familien mit TACI-Defekten
zeigten homozygote Mitglieder CVID, während Heterozygote nur unter
selektivem IgA-Mangel litten. TACI ist ein Mitglied der TNF-Rezeptorsuperfamilie
(TNFRSF13B) und wird durch Trimerisierung aktiviert. Heterozygote
TACI-Defizienz würde also eine starken Reduktion funktioneller Trimere
zur Folge haben.
Phagozytose- und Komplementdefekte
Das Zusammenspiel von Antikörperantwort, Komplementsystem
und Phagozyten ist essentiell für die Bekämpfung Eiter-bildender Bakterien,
die durch ihre Polysaccharidhülle nicht direkt von neutrophilen Granulozyten
erkannt werden können. Die Bedeutung dieser Kooperation wird durch
den Befund unterstrichen, dass der Ausfall jeder dieser drei Komponenten
in heftigen Infektionen mit diesen Erregern resultiert.
Mehrere Aspekte des komplexen Chemotaxis- und Phagozytosevorgangs
können durch genetische Defekte gestört sein. Fehlen Oberflächenmoleküle
wie Integrine oder der Kohlehydratligand der Selektine, gelingt es
den Phagozyten nicht, an der Gefäßwand des Infektionsgebietes zu adhärieren.
Fehlen Enzyme, die zur Produktion der reaktiven Sauerstoffverbindungen
notwendig sind, können Erreger zwar phagozytiert, aber intrazellulär
nicht abgetötet werden. Beispiele dafür sind chronische Granulomatose
(Defekt der NADPH-Oxidase) oder Myeloperoxidasemangel. Beim Chediak-Higashi-Syndrom
betrifft der Defekt ein Vesikeltransportprotein, sodass Phagosomen
nicht mit Lysosomen verschmelzen.
Defekte im Komplementsystem haben je nach funktioneller
Lokalisation unterschiedliche Folgen. Defekte im alternativen- oder
Lektinweg sowie im C3-Molekül prädisponieren für Infektionen mit Eiterbildnern.
Defekte in C1, C2 oder C4 führen über einen gestörten Abtransport
von Immunkomplexen zu Typ-III-Erkrankungen (siehe Abschnitt 5.1).
Defekte in den Membran-attackierenden Komponenten C5 bis C9 prädisponieren
zu Infektionen mit Neisseria
meningitidis.
4.2 AIDS
Durch die Verbreitung des Human Immunodeficiency Virus
(HIV) ist AIDS eine häufige Erkrankung geworden. Zwei Virustypen existieren:
HIV-1 ist weltweit verbreitet, HIV-2 zur Zeit hauptsächlich in Westafrika
und Indien. Beide wurden wahrscheinlich im Lauf des 20. Jahrhunderts
in Afrika von nicht-humanen Primaten auf den Menschen übertragen.
Die besondere Problematik dieser Erkrankung liegt darin,
dass sie eine für die adaptive Abwehr zentrale Zelle, nämlich die
CD4 T-Zelle, befällt. Auch Makrophagen und dendritische Zellen exprimieren
geringe Mengen von CD4 und werden damit ebenfalls infiziert. Das CD4-Molekül
selbst stellt den Rezeptor für das Virus dar; zusätzlich wird für
die Infektion einer von zwei Chemokinrezeptoren benötigt, CCR5 oder
CXCR4. Dies spielt insofern eine Rolle, als es für CCR5 einen Defekthaplotyp
gibt, CCR5-32 der bei homozygotem Vorkommen vor einer Übertragung
der häufigsten HIV-Varianten schützt. Dieser CCR5-Haplotyp ist ethnisch
ungleich verteilt: während ca. 1 % der kaukasischen Population homozygot
für den Defekt ist, tritt dieser in afrikanischen und asiatischen
Populationen weit seltener auf.
HIV wird durch Körperflüssigkeiten übertragen; am häufigsten
über sexuellen Verkehr, kontaminierte Nadeln sowie von einer infizierten
Mutter auf ihr Kind während der Geburt oder über die Muttermilch.
Das Viruspartikel dockt über sein Hüllprotein gp120 an CD4 und den
Chemokinrezeptor an, fusioniert seine Hülle mit der Zellmembran und
bringt damit sein RNA-Genom mit Enzymausstattung, darunter reverser
Transkriptase, in das Zytoplasma. Eine mit Hilfe dieses Enzyms hergestellte
cDNA-Kopie wird dann durch die virale Integrase in das Genom der Zelle
inseriert. Die integrierte cDNA-Kopie nennt man Provirus. In diesem
Zustand kann das Virus, z. B. in memory cells, über lange Zeiten unangreifbar
latent bleiben. Das Genom des Virus besteht aus den für Retroviren
typischen long terminal repeats (LTRs), die gag-, pol- und env-Gene flankieren, zu denen noch sechs
kleinere Gene hinzukommen. Eine Aktivierung des Virus erfolgt parallel
mit der Aktivierung der CD4-T-Zelle durch den für diesen Prozess zuständigen
Transkriptionsfaktor NFκB. Ausgehend von den entstehenden Transkripten,
die teilweise durch splicing bearbeitet werden, entstehen die
einzelnen Bestandteile des Virus. Manche der Proteine werden als Polyprotein-Vorstufen
synthetisiert und anschließend durch die virale Protease zu den endgültigen
Proteinen gespalten. Sind alle Komponenten vorhanden, werden sie verpackt
und neue Viren tropfen von der Zelloberfläche ab.
Drei
Mechanismen tragen zur Zerstörung der befallenen CD4-T-Zellen bei:
·
zytotoxische CD8-T-Zellen im Rahmen
einer normalen antiviralen Immunantwort
·
direkt zytopathische Effekte des replizierenden
Virus
·
eine verstärkte Apoptoseneigung der
befallenen aktivierten Zelle
Im Lauf der Immunreaktion werden auch Antikörper gebildet,
die viele der zahlreichen neugebildeten Viren eliminieren helfen.
Unbehandelt verläuft die Erkrankung in drei Phasen:
1. Akute HIV-Infektion in den Wochen nach der Infektion,
charakterisiert durch Fieber, Lymphadenopathie, Pharyngitis, Aphthen
(keine Rhinitis). Differentialdiagnostisch kommen für diese unspezifischen
Symptome natürlich viele Ursachen in Frage, z. B. eine Infektion mit
dem Epstein-Barr-Virus (infektiöse Mononukleose oder Pfeiffersches
Drüsenfieber). Eine Diagnose kann in dieser Phase nur mit PCR (Polymerasekettenreaktion)
gestellt werden; Antikörper gegen das Virus treten erst im Lauf der
ersten Monate auf: nach 6 Monaten sind 99% der Infizierten Antikörper-positiv.
2. Asymptomatische Infektion. Die Dauer dieser Phase
hängt von mehreren Faktoren, z. B. dem Alter zur Zeit der Infektion
ab, und kann bei jungen Menschen, die in stabilen Verhältissen leben,
10 und mehr Jahre dauern. Die Diagnose wird in dieser Zeit mit dem
Nachweis von Antikörpern gegen das Virus in einem Western blot, meist
nach einem ELISA-Suchtest, gestellt. Gegen Ende dieser Phase mehren
sich Infektionen.
3. AIDS-Stadium. Der Ausbruch des Vollbildes der Immunschwäche
hängt direkt von der Zahl der "übriggebliebenen" CD4-T-Zellen
ab. Während ein mm3 Blut normalerweise 500-1000 CD4-T-Zellen
enthält, sinkt dieser Wert in dieser Phase unter die kritische Schwelle
von 200. Damit treten zunehmend schwere opportunistische Infektionen
auf, z. B. mit Candida albicans
(Soor-Ösophagitis), Pneumocystis
jirovecii (früher: carinii; Pneumonie), Cytomegalievirus, Herpes
Zoster, etc. Falls eine frühere Tuberkulose-Infektion nicht ganz eliminiert
werden konnte, bricht der TH1-abhängige Granulom-Abwehrwall
nun zusammen und führt zu einem akuten Aufflammen der Tuberkulose.
Ebenfalls auftreten können das HIV-Auszehrungssyndrom und das sonst
äußerst seltene Kaposi-Sarkom. Das Kaposi-Sarkom ist ein maligner
Endothelzelltumor, der eigentlich durch das humane Herpesvirus Typ
8 ausgelöst wird, das sich nur bei ausgeprägter Abwehrschwäche durchsetzen
kann. Der Patient erliegt schließlich einer dieser schweren Infektionen.
Trotz intensiver Bemühungen gibt es bisher weder eine
Impfung noch eine Möglichkeit, die HIV-Infektion endgültig zu heilen,
doch wurde eine effiziente Therapie, HAART (highly
active antiretroviral therapy) entwickelt. Der Angriffspunkt liegt
in der Hemmung zweier viruseigener Enzymaktivitäten: der reversen
Transkriptase (RT) sowie der Protease, die für die Endfertigung essentieller
viraler Proteine notwendig ist. Unter den RT-Hemmern unterscheidet
man sogenannte nukleosidische RT-Inhibitoren, die dazu führen, dass
"falsche" Nukleotide eingebaut werden, wodurch die reverse
Transkriptase blockiert wird, sowie nicht-nukleosidische RT-Inhibitoren.
Gegen einzelne der eingesetzten Proteasehemmer kann das Virus durch
Punktmutationen Resistenzen entwickeln; Sequenzanalysen des Virus-Protease-Gens
sind daher ein Mittel, die Therapie rational anzupassen. Der Therapiecocktail
führt häufig zu ausgeprägten Nebenwirkungen, z. b. mitochondrialen
Schäden, die sich in Myopathie oder Pankreatitis äußern können, sowie
Fettverteilungsstörungen.
Unter optimalen Bedingungen ist HAART in der Lage, das
Virus unter die Nachweisgrenze zurückzudrängen, jedoch nicht, es gänzlich
zu eliminieren. Die Therapie muss damit lebenslang angewendet werden.
Für ihren Erfolg ist die Einhaltung des komplexen Therapieprotokolls
von essentieller Bedeutung. Bei Einhaltung des Protokolls wird die
Virusvermehrung effizient unterdrückt. Erfolgt die Einnahme der Medikamente
unzuverlässig, kann sich das Virus zwischendurch immer wieder trotzdem
vermehren. Da die reverse Transkriptase, verglichen mit DNA-abhängigen
DNA-Polymerasen, relativ viele Einbaufehler macht (ihr fehlt die sogenannte
proofreading-Korrekturfunktion),
treten unter dem Selektionsdruck der Therapie relativ rasch Resistenzen
auf. Punktmutationen führen dazu, dass die veränderten Enzyme durch
die Medikamente nicht mehr gehemmt werden; die Therapie wird wirkungslos.
Die anti-HIV Therapie ist außerordentlich teuer, da die
mit großem Aufwand entwickelten Medikamente neu sind und damit noch
unter Patentschutz stehen. Der größte Bedarf für diese Medikamente
besteht jedoch in bitter armen Ländern, z. B. im Afrika südlich der
Sahara. Trotz einiger Programme, diese Länder mit verbilligten Medikamenten
zu versorgen, ist diese Diskrepanz ungelöst.
4.3 Vermeidungsstrategien
von Pathogenen
Pathogene und potentielle Wirte liefern einander seit
Millionen von Jahren einen zähen Grabenkampf. In dieser Auseinandersetzung,
die man als "Ko-Evolution" bezeichnet, haben viele mikrobielle
Pathogene Strategien entwickelt, sich der Abwehr des Wirts zu entziehen.
Zu den erfolgreichen Strategien gehören "Verkleiden", "Verstecken"
und "Fehlleiten der Abwehr".
Viele Pathogene entziehen sich der Abwehr, indem sie
häufig ihre antigene "Verkleidung"
wechseln. Dazu einige Beispiele.
Pneumokokken kommen in mehr als 80 verschiedenen Serotypen
vor. Das Bakterium versteckt sich hinter einer Polysaccharidkapsel,
deren Zuckerabfolgen und -Verzweigungen für die Antigenität des jeweiligen
Typs bestimmend sind. Die gegen diese Polysaccharid-Antigene gebildeten
Antikörper nützen jedoch nichts gegen den nächsten Pneumokokken-Typ,
der den Körper infiziert.
Das
Influenzavirus kommt dem Bild der wechselnden "Verkleidung"
noch näher. Das Virus trägt zwei Arten von Transmembranproteinen,
die als spikes weit über die Oberfläche des Virus
hervorragen. Über das eine, Hämagglutinin (H), bindet es an menschliche
Zellen; das zweite, Neuraminidase (N), benötigt es zum Ablösen neuer
Viren von der Zelle und wahrscheinlich auch zum Einschleusen in die
Zelle. Von den drei Influenzavirustypen A, B, und C verursacht Typ
A die meisten Erkrankungen. Es existiert wieder in verschiedenen Hüllproteinvarianten.
Es gibt mindestens 16 H- und 9 N-Varianten, nach denen die Influenza-A-Isolate,
in Kombination mit Ort und Zeit der Isolierung, benannt werden. Influenza-A-Subtypen,
die große Infektionswellen hervorgerufen haben, sind z B.:
1918: A/H1N1
1957: A/Japan/57/H2N2
1968: A/Hong Kong/68/H3N2
1977: A/USSR/77/H1N1
2009: A/Mexico/2009/H1N1
Antikörper gegen diese Oberflächenproteine wirken neutralisierend.
Allerdings treten durch Punktmutationen laufend leichte Veränderungen
in diesen Hüllproteinen auf. Sobald diese Veränderungen dazu führen,
dass die bestehenden Antikörper eine Infektion nicht mehr ganz verhindern
können, breitet sich diese neue Virusvariante in der vorher geschützten
Population aus. Dieser sogenannte "Antigendrift" führt also
zu einer neuen Erkrankungswelle. Der HN-Typ wird dabei beibehalten:
es wird z. B. aus dem Isolat A/Sydney/1997/H3N2 eine Variante A/Moscow/1999/H3N2.
In der humanen Population insgesamt sind daher immer
gleichzeitig mehrere Subtypen ("Verkleidungsformen") von
Influenza A unterwegs, die sich zudem dauernd verändern. Die jeweils
gerade erfolgreichste Verkleidungsform setzt sich in Form einer Epidemie
durch. Aus diesen Gründen muß eine Impfung gegen Influenza jedes Jahr
erneuert werden. Sie besteht aus den drei Virusvarianten, denen aus
dem weltweiten Influenza-Überwachungssystem der WHO das größte Epidemiepotential
zugeschrieben wird.
Der rasche Verkleidungswechsel bringt noch ein eigenartiges
Phänomen mit sich: bei der ersten Influenza-Infektion eines Kindes
bildet dieses Antikörper gegen alle Antigene des Virus. Bei den nächsten
Infektionen mit anderen Virusvarianten bildet das Individuum effiziente
Antikörper-Antworten nur mehr gegen jene Antigene, die es im ersten
Virus bereits gesehen hat. Aus diesem Grund sind diese Immunantworten
nur partiell. Die wahrscheinliche Ursache für dieses Verhalten liegt
in der raschen Aktivierung von memory
cells gegen bereits gesehene Antigene, sodass das Immunsystem
gar nicht die nötige Zeit bekommt, eine effiziente Antwort gegen die
neuen Antigene auszubilden.
Es gibt jedoch in längeren Zeitabständen noch eine wesentlich
ausgeprägtere Veränderung des Influenza A-Virus, den sogenannten "Antigenshift".
Dieser wird durch zwei Tatsachen begünstigt: Das Genom der Influenzaviren
besteht nicht aus einer zusammenhängenden Nukleinsäurekette, sondern
aus acht physisch getrennten Segmenten. Weiters kommen Influenza-A-Viren
auch in anderen Spezies, wie Hühnern, Enten oder Schweinen
vor, die besonders in dichtbesiedelten Gebieten Asiens mit dem Menschen
auf engstem Raum leben. Den Großteil der H- und N-Varianten kennen
wir nicht aus menschlichen Isolaten, sondern aus Enten und Hühnern.
Trifft ein auf den Menschen adaptierter Influenza-A-Subtyp in einer
Mischinfektion auf einen Tier-adaptierten Subtyp, kann es selten zu
einem Austausch von Gensegmenten kommen. Auf diese Weise kann ein
vollkommen "neuer" humanpathogener Influenzavirenstamm entstehen,
der in der Folge zu einer der gefürchteten Pandemien führt, da niemand
wirksame Antikörper dagegen hat. Eine solche Pandemie kostete in den
Jahren 1918-1920 ca. 30 Millionen Menschen das Leben (bei einer Weltbevölkerung
von etwa 1,5 bis 2 Milliarden).
Als Hauptgefährdung wurde in den letzten Jahren ein Vogel-adaptierter
Influenza-A-Subtyp angesehen, H5N1, der erstmals 1997 in Hong Kong
und seither immer wieder einzelne Menschen infizierte (die "Vogelgrippe").
Eine H5N1-Epidemie unter Hühnerbeständen breitete sich langsam immer
weiter aus und erreichte 2005 Westeuropa. Dadurch kamen immer mehr
Menschen mit diesem Virus in Kontakt. Etwa die Hälfte der bisher durch
direkten Kontakt mit infizierten Vögeln erkrankten Menschen starben.
Allerdings kam eine weitere Übertragung von Mensch zu Mensch bisher
nur in ein oder zwei Fällen vor, da das Vogelgrippen-Virus noch unzulänglich
an den Menschen adaptiert war.
Die jüngste Pandemie kam jedoch unerwartet von einem
anderen Virus, das sich 2009 von Mexiko ausgehend ausbreitete. Der
Mechanismus des "Antigenshift" hatte hier Genomteile eines
Schweine-adaptierten Virus mit Genomteilen eines Menschen-adaptierten
Virus zusammengewürfelt. Das Virus ist vom Typ H1N1, doch weichen
die konkreten Varianten von H1 und N1 gegenüber den davor in der Menschheit
kursierenden ab, sodass die gegen frühere H1N1-Infektionen gebildeten
Antikörper nicht wirksam waren. Entgegen ursprünglicher Befürchtungen
erwies sich diese Pandemie als relativ mild, auch weil sich diese
neue Form des H1N1 Virus wesentlich weniger virulent verhält als die
ursprüngliche. (Es wird geschätzt, dass das virulente H1N1-Pandemie-Virus
von 1918 unter den damaligen geringen medizinischen Möglichkeiten
etwa bei jedem 50. Erkrankten zum Tod führte. Todesopfer waren im
Gegensatz zu den üblichen Grippewellen auch junge Erwachsene, die
eine besonders starke frühe Immunreaktion gegen das Virus produzierten.
Ihre Lungenbläschen füllten sich dadurch mit entzündlichem Exsudat;
der Tod war eine Folge respiratorischen Versagens).
Viren der Herpesgruppe wenden die Strategie des "Versteckens" an. Herpes simplex-Virus
befällt beispielsweise zunächst die Epithelzellen der Mundschleimhaut,
anschließend jedoch die sensiblen Fasern des die Schleimhaut innervierenden
N. trigeminus. Während zytotoxische T-Zellen die befallenen Schleimhautzellen
in einer schmerzhaften Reaktion rasch beseitigen, zieht sich das Virus
in die Zellkörper der sensiblen Neurone im Trigeminalganglion zurück
und stellt seine Vermehrung ein. Man bezeichnet diese Phase als Latenz.
Bestimmte Änderungen der äußeren Bedingungen wie starke Sonnenexposition,
andere Infektionen oder hormonelle Veränderungen reaktivieren auf
grundsätzlich nicht verstandene Weise das Virus, das von den Nervenzellen
aus wieder das Epithel infiziert: "Fieberblasen" entstehen.
Das Varicella-Virus, ein anderes Virus der Herpesgruppe, kann nach
Jahren einer Latenz in Spinalganglien auf analoge Weise Herpes Zoster
auslösen. Neuronen eignen sich in besonderer Weise für Viruslatenz,
da sie sehr wenig MHC-I exprimieren. Es ist vorstellbar, dass dies
einen evolutionären Kompromiss darstellt, da eine Attacke zytotoxischer
T-Zellen auf Nervenzellen für den Gesamtorganismus noch negativere
Folgen hätte.
Viren der Herpesgruppe wenden noch weitere Tricks an,
um sich besser zu verstecken: sie exprimieren
Proteine, die die Wirtszelle daran hinderen, ihre Peptide effizient
auf MHC zu präsentieren. So blockiert das Herpes
simplex -Protein ICP47 den TAP-Transporter, der Peptide in das
endoplasmatische Reticulum transferiert. Damit gelangen nicht nur
die Viruspeptide nicht mehr zum MHC-Molekül; MHC‑I-Moleküle
ohne Peptide im Bindungsspalt bleiben instabil, sodass die Zelle nur
mehr wenig MHC-I an die Oberfläche bringt. Eine ähnliche Funktion
hat das US6-Molekül des Cytomegalievirus (HHV5). Ein weiteres Protein
des Cytomegalievirus, US11, bindet im endoplasmatischen Retikulum
naszente MHC-I-Ketten und schleust sie mit Hilfe des zellulären Proteins
Derlin gleich wieder ins Zytoplasma zurück, wo sie instabil sind und
abgebaut werden. Solche Proteine, die Viren helfen, dem Immunsystem
auszuweichen, nennen wir allgemein Immunevasine.
Auch manche Bakterien sind gut im Verstecken. Intrazellulär
lebende Listerien z. B. lassen sich durch einen "Raketenantrieb"
von polymerisierendem Actin in eine andere Zelle "hineinschießen",
ohne sich jemals extrazellulär der Gefahr von Antikörpern auszusetzen.
Eine dritte Strategie, der Immunabwehr zu entkommen,
stellt schließlich deren Fehlsteuerung
dar. Besonders erfolgreich auf diesem Gebiet sind Mycobakterien. Mycobacterium tuberculosis beispielsweise
hat einen Mechanismus entwickelt, die Fusion von Phagosomen und Lysosomen
zu verhindern, sodass es nach der Phagozytose nicht der toxischen
Wirkung des lysosomalen Inhalts ausgesetzt ist. Mycobacterium leprae nützt die häufig binäre Entscheidung des Organismus
zwischen einer TH1- oder TH2-Antwort, um sich
zu vermehren. Entscheidet sich der Organismus (nach noch nicht ganz
verstandenen Kriterien) für eine TH1-Antwort, hat das Bakterium
"Pech" gehabt: es entsteht die sogenannte tuberkuloide Form
der Lepra, bei der es effizient in Granulomen isoliert wird. Reagiert
der Organismus jedoch mit einer TH2-Antwort, hat das Bakterium
"gewonnen": zwar produziert der Organismus massenhaft Antikörper;
diese können dem sich progredient intrazellulär vermehrenden Bakterium
jedoch nichts anhaben. Auf diese Art entsteht die infektiösere lepromatöse
Form der Lepra.
4.4 Medikamentöse
Immunsuppression
In manchen Situationen, z. B. um die Abstoßung eines
Transplantats zu verhindern, ist es nötig, Immunantworten künstlich
zu hemmen. Dies ist natürlich eine Gratwanderung, da die Patienten
damit einer großen Infektionsgefahr ausgesetzt werden. Fortschritte
in der Immunologie haben in den letzten Jahren zur Entwicklung neuer
Proteinmedikamente beigetragen, die selektiv nur bestimmte Teilfunktionen
des Immunsystems hemmen. Folgende Medikamentengruppen werden eingesetzt:
Glucocorticoide
(z.
B. Fortecortin®, Urbason®)
Glucocorticoide sind lebensnotwendige Hormone des menschlichen
Körpers, die vor allem in der Nebenniere in der Form von Cortisol
synthetisiert werden. In physiologischen Dosen wirken sie nicht immunsuppressiv.
Häufige starke Stresssituationen bewirken jedoch eine verstärkte Produktion,
die bereits für erhöhte Infektanfälligkeit verantwortlich gemacht
wird. Pharmakologische Dosen von Glucocorticoiden wirken stark immunsuppressiv.
Dies beruht hauptsächlich darauf, dass sie die Expression zahlreicher
Zytokine bremsen. Glucocortcoide haben zudem komplexe, in wenigen
Worten nicht beschreibbare Effekte auf die Apoptose von Lymphozyten.
Sie werden bei manchen lymphatischen Leukämien und Lymphomen eingesetzt,
das sie Apoptose dieser Zellen auslösen können. In
welchen normalen Lymphozyten sie möglicherweise ebenfalls Apoptose
auslösen, ist nicht hinreichend geklärt. Glucocorticoide verstellen
auch die Apoptoseschwelle in den Prozessen der positiven und negativen
Selektion im Thymus. Längerdauernde Anwendung führt zu einer breiten
Palette an Nebenwirkungen: Hyperglykämie, Hypertonie, gastrointestinale
Ulcera und Blutungen, Fettumverteilung mit Mondgesicht und Stammfettsucht.
Ciclosporin (z. B. Sandimmun®)
Tacrolimus (FK506) (Prograf®)
Diese beiden Medikamente hemmen vor allem die klonale
Expansion der T-Zellen, die von der autokrinen IL-2-Schleife abhängig
ist. Sie entkoppeln die Signaltransduktion, die vom aktivierten T-Tell-Rezeptor
zum Anschalten des IL‑2-Gens führt. Der Mechanismus ist im Detail
kompliziert. Beide Medikamente binden an verschiedene Immunophiline
und hemmen damit die Phosphatase Calcineurin. Diese wäre aber notwendig,
um einen Teil eines Transkriptionsfaktors, nuclear
factor of activated T cells (NFAT), zu dephosphorylieren und vom
Zytoplasma in den Kern zu transferieren. Ohne komplettierten NFAT
kann das IL‑2-Gen nicht aktiviert werden. Hauptnebenwirkung
ist Nephrotoxizität.
Sirolimus/Rapamycin (z. B. Rapamune®)
Sirolimus hemmt die Zytokin-aktivierte Kinase mTOR (mammalian target of rapamycin). Wenn T-Zellen
durch IL‑2 und andere Wachstumssignale stimuliert werden, führt
das zur Aktivierung von mTOR. mTOR selbst wiederum steigert über mehrere
Wege die Translation am Ribosom und damit die Proteinsynthese. Sirolimus
hemmt also die Proteinsynthese, ohne die rasche Zellproliferation
nicht möglich ist. Da diese Wirkung nicht auf Lymphozyten beschränkt
ist, ergeben sich als Nebenwirkungen Anämie, Leukopenie, Thrombopenie,
gastrointestinale und Wundheilungsstörungen.
Mycophenolat (z. B. CellCept®)
Methotrexat (z. B. Methotrexat®)
Azathioprin (z. B. Imurek®)
Bei diesen Molekülen handelt es sich um Antimetaboliten,
die im Endeffekt die DNA-Synthese und damit die Zellteilung behindern.
Obwohl niedriger dosiert, handelt es sich hier um Chemotherapeutika
mit den charakteristischen Nebenwirkungen auf rasch proliferierende
Gewebe (Knochenmarkdepression, gastrointestinale Störungen).
Alemtuzumab
(Campath®)
ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper gegen CD52,
ein glycosylphosphatidylinositol-(GPI)-verankertes Glycoprotein, das
auf der Zellmembran aller reifen Lymphozyten exprimiert wird, aber
nicht auf Stammzellen. Nach Bindung werden die Lymphozyten über Complement
oder ADCC getötet. Der Antikörper wird vor allem in der Tumortherapie
gegen Lymphome eingesetzt, seltener in der Immunsuppression.
Natalizumab
(Tysabri®)
ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper gegen Integrin
α4:β1. Dieser Antikörper
wirkt nicht allgemein immunsuppressiv, sondern wurde für eine Spezialsituation
entwickelt: er soll bei PatientInnen mit Multipler Sklerose das Einwandern
von Lymphozyten in das Gehirn verhindern. T-Lymphozyten binden mit
ihrem Integrin α4:β1 an VCAM-1 (vascular
cellular adhesion molecule) der Endothelzellen im ZNS. Dieser
Kontakt wird durch den Antikörper verhindert, sodass bei behandelten
PatientInnen wesentlich weniger demyelinisierte Läsionen entstehen.
Allerdings haben einzelne Behandelte unter dieser Therapie eine schwere
zentralnervöse Erkrankung erlitten, progressive multifokale Leukoencephalopathie,
die durch das sonst harmlose JC-Virus, gegen das 86% aller Menschen
Antikörper haben, ausgelöst wird. Offensichtlich wird dieses verbreitetete
Virus sonst leicht durch das Immunsystem in Schach gehalten, es kann
sich aber unter Natalizumab-Therapie dieser Kontrolle im Einzelfall
entziehen.
Etanercept
(Enbrel®)
Infliximab (Remicade®)
Adalimumab (Humira®)
Auch
diese Proteinmedikamente wirken nicht im vollen Sinn immunsuppressiv;
sie wirken spezifisch TNFα entgegen, indem sie dieses binden
und aus entzündetem Gewebe entfernen (Details über TNFα finden
sich in Abschnitt 1.11). Anti-TNFα-Therapie wird gegen Rheumatoide
Arthritis, Psoriasis-Arthritis, Morbus Crohn und schwere Ausprägungen
von Psoriasis eingesetzt. Die Therapie muss im Fall von Infektionen
unterbrochen werden und trägt möglicherweise zur fallweise beobachteten
Reaktivierung von Tuberkulose aus Granulomen bei.
Abatacept (Orencia®)
ist ein Proteinmedikament, das kostimulierende
B7-Moleküle bindet und damit neutralisiert. Damit wird die Aktivierung
von T-Zellen durch Antigen-präsentierende Zellen gebremst. Das Medikament
wird gegen Rheumatoide Arthritis eingesetzt. Weitere Indikationen
zeichnen sich ab: so konnte das Fortschreiten von Diabetes mellitus
Typ 1 verlangsamt werden.
5.
DURCH IMMUNREAKTIONEN AUSGELÖSTE KRANKHEITS-ERSCHEINUNGEN
Das Immunsystem hält außerordentlich wirksame Mechanismen
bereit, mikrobielle Invasoren zu zerstören. Das wesentliche biologische
Problem dabei ist, zu verhindern, dass sich dieses Zerstörungspotential
gegen das eigene Gewebe richtet. Sicherheitsvorkehrungen, wie die
frühzeitige Deletion autoreaktiver Klone, die Notwendigkeit mehrerer
gleichzeitiger, koordinierter Signale zur Aktivierung des nächsten
Schritts ("Entsicherung"), der Eintritt des Zustands von
peripherer Anergie, wenn eine Antigenerkennung ohne die
Entsicherungs-signale erfolgt, verhindern unnötige Gewebsschädigung
in den allermeisten Fällen.
Trotz dieser Sicherungssysteme kommt es manchmal vor,
dass das Immunsystem den eigenen Organismus schädigt. Von dieser Fehlfunktion
des Immunsystems abzugrenzen ist die Transplantatabstoßung, die, obwohl
krankmachend, eine "normale" Reaktion des Immunsystems darstellt.
5.1 Überempfindlichkeitsreaktionen:
Allergie und Autoimmunität
Ein sehr häufig auftretendes Problem ist das der Allergie.
Der Begriff "Allergie" wurde ursprünglich (1906) durch den
Wiener Ordinarius für Kinderheilkunde Clemens von Pirquet geprägt,
um eine veränderte Reaktionsbereitschaft des Körpers auf eine exogene
Substanz auszudrücken. Er wählte diesen Ausdruck als Gegensatz zur
"Normergie", der normalen Reaktionsbereitschaft des Immunsystems.
Heute versteht man unter Allergie Krankheitserscheinungen, die durch
eine (zu starke) Immunreaktion gegen harmlose exogene Antigene ausgelöst
werden. Das Problem dabei ist meist, dass dieses Antigen durch die
Immunreaktion nicht zum Verschwinden gebracht wird, sondern von außen
immer wieder nachgeliefert wird.
Leider verstehen wir die Faktoren, die dazu führen, dass
manche Menschen an Allergien oder Autoimmunphänomenen erkranken, nur
sehr unzureichend. Meist jedoch ist ein Zusammentreffen von mehreren
genetischen und Umwelt- Faktoren notwendig, um diese Erkrankungen
auszulösen.
Die
Bedeutung genetischer Komponenten beruht darauf, dass viele Bestandteile
des Immunsystems nicht bei allen Menschen gleich sind, sondern in
verschiedenen allelischen Varianten vorkommen. Manche dieser Varianten
senken die Schwelle zur Auslösung einer bestimmten Immunreaktionsform.
"Atopie" ist ein alter klinischer Begriff für eine genetisch
bedingte Neigung, Typ I-Allergien (besonders Inhalationsallergien)
und atopische Dermatitis (Neurodermitis) zu entwickeln. Während man
die chromosomalen Regionen, manchmal sogar die einzelnen verantwortlichen
Gene durch die Häufung bestimmter Varianten bei Allergie-Patienten
kennt, versteht man den genauen molekularen Mechanismus, der für diese
Schwellensenkung verantwortlich ist, meist noch nicht. Viele verschiedenen
Genloci können dazu beitragen, zum Beispiel:
·
auf 11q: bestimmte Polymorphismen der
β–Einheit des
Fc-Rezeptors für IgE.
·
auf 5q, wobei noch nicht klar ist welche
Gene dafür verantwortlich sind. Polymorphe Kandidatengene dieser Region
kodieren einerseits für Zytokine (IL-3, IL-4, IL-5, IL-9, IL-13, GM-CSF),
andererseits für den adrenergen β–Rezeptor.
·
auf 6p: der HLA-Locus.
Umweltfaktoren können einen graduell sehr verschieden
starken Beitrag zur Auslösung einer Allergie leisten. Am einen Ende
des Intensitätsspektrums steht eine in Nordamerika verbreitete Pflanze,
die ein Hapten enthält, das bei praktisch jeder Person, die mit der
Pflanze in Berührung kommt, unabhängig von ihrer genetischen Konstitution
heftige Hautreaktionen auslöst. Die Pflanze hat dadurch den Namen
poison ivy bekommen. In anderen Fällen steht der beobachtete Umweltfaktor
weit im Hintergrund. Als Beispiel kann die Beobachtung dienen, dass
Populationen, die seltener bestimmten Infektionskrankheiten, wie Hepatits
A, Tuberkulose oder Masern, ausgesetzt sind, häufiger an Allergien
leiden. Die sogenannte Hygienehypothese postuliert hier einen ursächlichen
Zusammenhang.
Gell und Coombs haben versucht, die sehr verschiedenartigen
Krankheitsbilder, die durch Schädigungswirkung des eigenen Immunsystems
auftreten, nach ihrem Entstehungsmechanismus in vier Typen einzuteilen.
Als Spezialfall wird manchmal noch ein fünfter Typ unterschieden.
Diese Schädigungstypen werden auch als "Überempfindlichkeitsreaktionen"
bezeichnet.
Diese Einteilung beruht auf dem Schädigungsmechanismus, nicht auf der Ursache der
Immunreaktion. Ursache dieser Krankheitsbilder können also Allergien
(bei exogenen Antigenen), Autoimmunität (bei endogenen Antigenen)
oder unerwünschte Kollateralschäden von im Prinzip sinnvollen Abwehrreaktionen
sein. Diese Ursachen sind nicht gleichmäßig über die Überempfindlichkeitsreaktionen
verteilt. Typ-I Reaktionen sind meist Allergien; Typ-II und III-Reaktionen
meist autoimmuner Natur. Zu Typ IV-Reaktionen tragen alle Ursachen
bei.
Typ I: Schädigung
durch irrtümliche Bekämpfung harmloser "Bedrohungsattrappen"
mit IgE und nachgeschaltetem Arsenal
Das Prinzip dieses als "Soforttyp" oder "anaphylaktischer
Typ" bezeichneten Schädigungsmusters wurde bereits im Abschnitt
"Immunglobulinklassen" unter
"IgE" besprochen. IgE binden an den Fcε-Rezeptor auf
Mastzellen und werden dort durch ein Allergen quervernetzt, was zur
Ausschüttung von Histamin und chemotaktischen Molekülen führt. Dadurch
entsteht eine anfangs Histamin-, später Zell-betonte Entzündungsreaktion.
Mastzellen sitzen vorwiegend unter Epithelien, die als Eintrittspforten
für Parasiten in Frage kommen, also in der Haut und in den Schleimhäuten
von Atemwegen und Magen-Darm-Trakt. In diesem Fall richten sich die
eigentlich zur Bekämpfung von Parasiten entwickelten Mechanismen gegen
harmlose exogene Antigene, die meist entweder inhaliert oder mit der
Nahrung aufgenommen werden.
Einige Beispiele für häufige Typ I-Auslöser:
Inhalationsantigene:
·
Pollen von
-Gräsern: Lieschgras, Knäuelgras, aber auch von Kulturpflanzen wie
Roggen
-Kräutern: Beifuß, Spitzwegerich
-Bäumen und Sträuchern: Hasel, Erle, Birke
·
Pilzsporen von Schimmel: Aspergillus,
Alternaria, Cladosporum
·
Tierantigene: Katzenepithelien, Hundeepithelien,
Wellensittichkot- oder Serumprotein, Vogelfedern
·
Hausstaubmilbenantigen
Das Antigen "Der p 1" aus dem Kot der Hausstaubmilbe
(Dermatophagoides pteronyssinus)
ist einer der häufigsten Auslöser von "Heuschnupfen" oder
allergischem Asthma. Die Hausstaubmilbe ernährt sich von Hautschuppen
des Menschen und vermehrt sich am besten in feuchter, warmer Umgebung.
In modernen Wohnhäusern kommt sie durch Wärmedämmung und geringen
Luftaustausch daher in viel höherer Konzentration vor als in früheren
Zeiten; die höchsten Zahlen von Milben pro Volumseinheit finden sich
in den Matratzen. Der entscheidende Faktor für die Antigenität des
Proteins Der p 1 ist seine enzymatische Aktivität: es spaltet einen
Bestandteil der tight junctions
zwischen den Atemwegsepithelzellen und kann damit die Epithelbarriere
besonders effizient überwinden.
Nahrungsmittelallergene (*bezeichnet Pollenallergie-assoziierte Nahrungsmittelallergene):
·
Nüsse: Erdnuss (eigentlich eine Hülsenfrucht),
Mandel*, Haselnuss*
·
Früchte: Kiwi*, Apfel*
·
Gemüse: Fenchel, Sellerie*
·
Milch: α-Lactalbumin, β-Lactoglobulin,
Kasein
·
Getreide: Weizenmehl
·
Eier: Hühnereiweiß (Ovalbumin)
·
Fisch: Barsche, Lachs
·
Meeresfrüchte
Auch oral aufgenommene Medikamente wie Penicillin können
Typ I-Reaktionen auslösen. Nahrungsmittelallergien können sich nicht
nur im Magen-Darm-Trakt mit Durchfall und Erbrechen manifestieren,
sondern auch in anderen Organen Symptome auslösen: in den Atemwegen
mit Husten, Asthmaanfall, in der Haut mit Urticaria oder systemisch
mit allgemeiner Gefäßerweiterung, die zu Blutdruckabfall, Synkope,
im Extremfall zum anaphylaktischen Schock führen kann.
Bei Nahrungsmittelallergien ist es wichtig, immunologisch
bedingte Erkrankungen von anderen Schädigungsmechanismen zu unterscheiden,
die vielfach häufiger sind. Wenn ein Patient berichtet, "gegen
Milch allergisch" zu sein, ist das häufig nicht auf IgE gegen
Milcheiweiße, sondern auf Laktoseintoleranz zurückzuführen. Der mit dem
Lebensalter zunehmende Mangel des Enzyms Laktase, das den Milchzucker
in seine Einfachzucker spaltet, betrifft in Mitteleuropa ca. 15% der
Erwachsenen und führt zu Durchfällen, die osmotisch sowie durch bakterielle
Fehlbesiedlung bedingt sind. Andere Beispiele für Pseudoallergien
sind Fructoseintoleranz bei Obst oder Scombroid-Fischvergiftung durch
Histaminbildung aus Histidin auf unzureichend gekühlten Fischoberflächen.
Typ I-Allergien werden zwar häufig durch inhalative oder
orale Aufnahme ausgelöst, doch sind auch andere Wege möglich: Latexpartikel
können z. B. direkt auf der Haut Quaddelbildung und Juckreiz auslösen.
Besonders effizient kann die Epithelbarriere natürlich durch Injektion
überwunden werden: das gilt nicht nur für die Auslösung von Medikamentenallergien
wie jene gegen Penicillin, sondern auch für die gegen Bienen- oder
andere Insektengifte.
Die wichtigste Komponente der Therapie einer Typ-I-Allergie,
speziell bei allergischem Asthma, ist die Allergenkarenz: der Kontakt
des Patienten mit dem auslösenden Allergen muß so weit wie möglich
vermieden werden. Falls dies nicht geschieht, führt folgender Pathomechanismus
allmählich zu einer Ausweitung der Allergenpalette: Mastzellen, die
durch Quervernetzung ihrer IgE aktiviert werden, schütten nicht nur
ihre Granula aus, sondern verfügen auch über Mechanismen, die in der
Nähe befindliche B-Zellen zum class switch zu IgE bewegen können. Das
geschieht z. B. über Expression von CD40-Ligand auf der Mastzelloberfläche
und durch Freisetzung von IL-4. Das bedeutet, dass der Patient gegen
Antigene, gegen die er früher IgM oder IgG gebildet hat, nun auch
IgE produziert. Damit wird er allmählich gegen immer mehr Antigene
allergisch.
Typ II: Antikörpervermittelte
Zytotoxizität
Bei diesem Typ entsteht Gewebsschädigung durch Antikörper,
die direkt gegen körpereigene Zielstrukturen gerichtet sind. Meist,
aber nicht immer, gehen dabei Zellen zugrunde. Das ist über zwei Mechanismen
möglich: Komplementlyse bei Komplement-bindenden Antikörpern oder
ADCC (antibody-dependent cellular cytotoxicity).
Einige Beispiele von Erkrankungen mit auslösenden Antigenen:
·
Pemphigus vulgaris: Desmoglein in Desmosomen
zwischen Keratinozyten.
·
Bullöses Pemphigoid: Hemidesmosomproteine
in der Basalmembran der Haut
·
Myasthenia gravis: Acetylcholinrezeptor
der motorischen Endplatten
·
Goodpasture-Syndrom: Basalmembran der
Lungenalveolen und Glomerula
·
Immun-hämolytische Anämie: Medikament
an Erythrozytenmembranprotein
·
Immun-thrombozytopenische Purpura:
Glycoprotein IIb-IIIa auf Thrombozyten
Ein Sonderfall ist die Erythroblastosis fetalis bei Rhesusinkompatibilität, bei der die Antikörper
der in einer früheren Schwangerschaft sensibilisierten Rhesus-negativen
Mutter über die Plazenta in den Kreislauf des Rhesus-positiven Fetus
gelangen. Auch AB0-Transfusionszwischenfälle laufen nach einem Typ-II-Schädigungsmuster
ab, wenn sich auch in diesen beiden Fällen das Immunsystem natürlich
nicht gegen Zellen desselben Individuums richtet.
Typ III: Schädigung
durch Ablagerung von Immunkomplexen
Immunkomplexe sind ein normales Phänomen bei Abwehrreaktionen.
Mechanismen wie der Abtransport über CR1 auf Erythrozyten oder die
Phagozytose durch Gewebsmakrophagen dienen ihrer Entsorgung. Erst,
wenn die Entsorgungssysteme überlastet werden, treten Krankheitserscheinungen
auf. Bestimmend für die Lokalisation von Gewebsschäden ist die Größe
der Immunkomplexe. Die "Heidelberger-Kurve" beschreibt die
Größe der entstehenden Immunkomplexe in Abhängigkeit von der molaren
Relation zwischen Antigen und Antikörper. Sind etwa gleich viele Moleküle
von Antigen und Antikörper vorhanden, entstehen große, dreidimensional
vernetzte Strukturen, die Präzipitate bilden und vor Ort liegenbleiben.
Sind Antigen oder Antikörper in starkem Überschuß vorhanden, entstehen
kleine, lösliche Immunkomplexe, die mit dem Blut im Organismus verteilt
werden und erst an Filtrationsstellen liegenbleiben. So unterscheidet
man zwei Untertypen:
Bei der Arthus-Reaktion
bilden sich relativ große Komplexe, die lokal liegenbleiben und über
Komplementaktivierung und Phagozytenrekrutierung eine lokale Entzündungsreaktion
auslösen. Wichtige Erkrankungen dieses Typs sind die verschiedenen
Formen der exogen-allergischen Alveolitis. Wenn Inhalationsallergene
in hohen Konzentrationen auftreten, reagiert das Immunsystem oft nicht
mit der Produktion von IgE, sondern IgG. Das führt zur Ablagerung
von Immunkomplexen in der Alveolarwand, gefolgt von einer Entzündung.
Beispiele und beteiligte Antigene sind:
·
Farmerlunge: Actinomyceten im Heu
·
Vogelzüchterlunge: Protein im Kot der
Tiere
·
Käsewäscherlunge: Schimmelpilze auf
der Käserinde
·
Weinhauerlunge: Schimmelpilze auf Spätlesetrauben
Auch die Rheumatoide Arthritis hat eine Arthus-Komponente,
da sich im Gelenk Antigen-Antikörperkomplexe aus Rheumafaktor (= Antikörper
gegen den Fc-Teil von IgG; meistens vom IgM-, aber auch vom IgG-Typ)
und IgG bilden.
Vom Typ der Serumkrankheit
spricht man, wenn kleine Immunkomplexe mit dem Blut verschleppt werden
und sich an allen Filtrationsstellen ablagern: Glomerula, seröse Häute,
Gelenke, Arteriolen. Durch Komplementbindung und Rekrutierung von
Phagozyten kommt es im umliegenden Gewebe zu Entzündung und Zerstörungen.
Beispiele:
·
Systemischer Lupus Erythematodes: viele
Autoantigene (aus dem Zellkern)
·
Poststreptokokken-Glomerulonephrits:
Streptokokkenantigene
·
Malaria-Nephritis: Plasmodien-Immunkomplexe
Eine Penicillinallergie kann auch als Typ-III-Reaktion
ablaufen.
Typ IV: Schädigung durch eine zelluläre Immunreaktion
Dieser Typ wird als Spätreaktion oder als Reaktion vom
verzögerten Typ bezeichnet. Dies rührt daher, dass die meisten "klassischen"
Allergien entweder dem Typ I oder dem Typ IV zuzurechnen sind. Bei
Typ I folgen die Krankheitserscheinungen der Allergenexposition sofort
(daher "Sofortreaktion"), bei Typ IV dauert das Intervall
etwa 48 Stunden. Das ist die erforderliche Zeit, bis T-Zellen und
Makrophagen sich am Ort der Auseinandersetzung akkumuliert haben.
Die zelluläre Immunreaktion kann entweder den Charakter der Makrophagenaktivierung
mit TH1-Zellen, oder den einer zytotoxischen (CD8-) T-Zellantwort
haben. Manchmal wird auch eine chronifizierte Spätphase einer Typ-I-Reaktion,
das Eosinophilen-betonte zelluläre Infiltrat, als Sonderform einer
Typ-IV-Reaktion bezeichnet.
Ein positiver Mendel-Mantoux-Test zeigt eine klassische
Spätreaktion. Dabei wird antigenes Material aus Tuberkelbakterien
intrakutan injiziert. Ein zwei Tage später auftretendes, rotes, hartes,
trockenes Knötchen zeigt, dass sich das Immunsystem des Getesteten
bereits mit Tuberkelbakterien auseinandergesetzt hat; entweder durch
eine Infektion oder durch eine BCG-Impfung. Das harte Knötchen stellt
das zelluläre Infiltrat von TH1-Zellen und Makrophagen
dar.
Die Kontaktdermatitis ist das typische Beispiel einer
Typ IV-Erkrankung. Sie beruht meist darauf, dass körpereigene Proteine
durch an sie bindende Metalle oder Haptene verändert werden. Langerhanszellen
nehmen die veränderten Proteine auf, wechseln in den Lymphknoten und
präsentieren sie dort auf MHC-II-Molekülen. Dadurch entstehen spezifische
TH1-Effektorzellen, die wieder in die Haut zurückwandern
und dort eine Makrophagenaktivierung einleiten. Typische Auslöser
sind:
·
Metalle: Nickel- aus
Uhren, Modeschmuck, Jeansknöpfen, Scheren
Chromat- im
Zement- bei Bauarbeitern, auch in Lederwaren
Kobalt- Farben, Zement
·
Inhaltsstoffe von Kosmetika
·
berufsspezifische Stoffe (z. B. Haarfärbemittel
bei Friseuren)
·
Pflanzenhaptene: aus
poison ivy, sowie aus vielen verschiedenen, auch Heilpflanzen:
Salben mit Kamillen-, Ringelblumen, Arnikazusätzen lösen oft starke
Kontaktallergien aus.
Klinisch erscheint eine Kontaktallergie ca. 48 h nach
Antigenkontakt als rote, indurierte konfluierende Papeln, trocken
und schuppend.
Typ IV-Reaktionen vom zytotoxischen Typ findet man naturgemäß
im Zusammenhang mit Viruserkrankungen: Exantheme bei Röteln, Masern
etc., ebenso wie die Leberfunktionseinschränkung bei Hepatitis B.
Diabetes mellitus Typ 1 geht ebenfalls
auf eine zelluläre Autoimmunreaktion zurück, die zur langsamen Ausrottung
der Insulin-produzierenden Zellen in den Inseln des des Pankreas führt.
"Typ V": Rezeptorstimulierende
Antikörper
Da Antikörper praktisch gegen jedes Antigen gebildet
werden können, ist es nicht erstaunlich, dass die Antigenbindungsregion
auch eine Form annehmen kann, die einem Peptidhormon ähnelt. Das ist
beim Mb. Basedow --englisch Graves´
disease-- der Fall, bei der ein spezifischer Antikörper den TSH-Rezeptor
auf Schilddrüsenzellen so bindet, dass er diesen auch aktiviert. Es
resultiert eine Schilddrüsenüberfunktion.
5.2 Autoimmunerkrankungen
Die
Auslösung von Autoimmunerkrankungen verstehen wir nur äußerst unzureichend,
doch ist dazu in der Regel, wie bei der Allergie, das Zusammentreffen
mehrerer genetischer und Umweltfaktoren nötig.
Unter
den genetisch prädisponierenden Faktoren finden sich in erster Linie
bestimmte HLA-Allele, weiters allelische Varianten von Immunglobulingenen,
T-Zell-Rezeptorgenen, Komplementgenen, Genen für Komponenten des Antigen-processing und der Apoptose-Maschinerie.
Ein weiterer Faktor ist das weibliche Geschlecht: Autoimmunerkrankungen
treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern.
Betrachten
wir ein konkretes Beispiel. Diabetes
mellitus Typ 1 (DM1) entsteht durch eine T-Zell-Autoimmunreaktion,
die zur Zerstörung der β-Zellen in den Pankreasinseln führt.
Seit langem ist bekannt, dass HLA-DR3 und –DR4 das Risiko für die
Entwicklung eines DM1 erhöhen, während DR2 es erniedrigt. Diese Assoziationen
sind jedoch wahrscheinlich nur ein Ausdruck des Kopplungsungleichgewichts,
in dem diese Loci mit der entscheidenden Position 57 der β-Kette
von HLA-DQ stehen. Ein Aspartat an dieser Position schützt vor DM1
durch eine Ionenbindung mit einem Arginin der α-Kette, die als
Querverstrebung zwischen α und β-Kette die Form des Peptidbindungsspalts
beeinflusst. Dadurch kann entweder das kritische, die Autoimmunreaktion
auslösende Peptid in diesem Bindungsspalt nicht präsentiert werden,
oder aber ein für die Tolerisierung notwendiges Peptid kann besonders
gut präsentiert werden— welches dieser beiden Denkmodelle zutrifft,
ist noch unklar. In anderen Allelen an dieser Position vorkommende
Aminosäuren wie Alanin, Valin oder Serin sind zu dieser Querverstrebung
jeweils nicht fähig; die entsprechenden Allele bringen eine Suszeptibilität
gegenüber DM1 mit sich. Diese HLA-Peptidspalt-abhängige Form der genetischen
Suszeptibilität trifft wahrscheinlich auf viele Autoimmunerkrankungen
zu. Eine sehr ähnliche Konfiguration kennen wir bezüglich der Positionen
67-74 der HLA-DR β-Kette und Rheumatoider Arthritis: die Sequenz
Leu-Leu-Glu-Gln-Lys/Arg-Arg-Ala-Ala an dieser Stelle macht das Individuum
empfänglicher für diese Erkrankung.
Bei
der Erforschung der Entstehung von Autoimmunerkrankungen sind wir
stark auf Tiermodelle angewiesen, die auf genetischer Basis spontan
bestimmte Autoimmunerkrankungen entwickeln und leichter untersucht
werden können als menschliche Patienten. Ein Modell für DM1 stellt
die non-obese diabetic (NOD) mouse
dar. Bei der NOD-Maus sind die Insel-invadierenden T-Lymphozyten hauptsächlich
TH1-Zellen, und die für die Entwicklung der Erkrankung
entscheidenden Peptide stammen aus der B-Kette des Insulins mit den
Aminosäurepositionen 9-23. NOD-Mäuse, die durch entsprechenden knockout ohne normales Insulingen aufwachsen
(aber zugleich –sorry, kompliziert!-- durch ein verändertes, trotzdem
funktionelles, aber nicht-autoimmunogen wirkendes Insulin-Transgen
vor der Entwicklung eines Diabetes bewahrt werden) entwickeln keine
Insel-Infiltration und keinen autoimmun bedingten Diabetes mellitus.
Wenn Teile des Insulins selbst entscheidend für die Auslösung der
Autoimmunreaktion sind, wird auch verständlich, dass nur die β-Zellen,
nicht aber die anderen Inselzellen durch die Erkrankung zerstört werden.
Ob die Präsentation von Insulinpeptiden auch beim Menschen entscheidend
ist, muss erst geklärt werden. Zwei weitere Eigenschaften des NOD-Mausmodells
sind bemerkenswert. Weibliche Mäuse erkranken früher als männliche
Mäuse, und trotz genetischer Homogenität erkranken nicht alle Mäuse,
was auf nicht-genetische Zusatzbedingungen für die Auslösung der Erkrankung
schließen lässt.
Autoimmunerkrankungen
werden häufig in organspezifische und systemische unterteilt. Zu den
organspezifischen Autoimmunerkrankungen gehören:
•
Diabetes mellitus Typ I
•
M. Basedow
•
Hashimoto-Thyreoiditis
•
Multiple Sklerose
Beispiele für systemische
Autoimmunerkrankungen sind:
•
Rheumatoide Arthritis
•
Systemischer Lupus Erythematodes (SLE)
•
Systemische Sklerose (Sklerodermie)
•
Sjögren-Syndrom
•
Polymyositis und Dermatomyositis
Es
ist fraglich, ob diese Einteilung mehr bedeutet, als einfach die Verbreitung
der jeweiligen Autoantigene widerzuspiegeln.
Wie wird Autoimmunität vermieden?
Wie
am Beginn dieses Skriptums erwähnt, besteht das Grundproblem der Abwehr
darin, zu erkennen, was abgewehrt werden muss. Moleküle eines Eindringlings
sehen per se nicht anders aus als die eigenen
Moleküle. Ideal wäre es, alles abzuwehren, was für den eigenen Organismus
gefährlich ist, und alles andere zu ignorieren. Leider gibt es kein
Molekül, das das abstrakte Konzept "Gefahr" erkennen kann,
und die Evolution musste Ersatzlösungen entwickeln, die diesem Ideal
möglichst nahe kommen.
Strategie 1: Zu tolerierende Antigene definieren
Problem:
Diese Antigene können nur unscharf definiert werden
Die
wichtigste Komponente dieser Lösung ist eine Unterscheidung "fremd-selbst".
Diese ist in einem großen Ausmaß möglich, denn Selbst ist physisch vorhanden, Selbst kann vom Immunsystem betrachtet
werden und mit Hilfe von Wahrscheinlichkeiten kann das Immunsystem
einen Großteil dessen "lernen", was Selbst
darstellt.
Wahrscheinlichkeit 1: Wenn der neu rearrangierte
Antigenrezeptor eines jungen, unreifen Lymphozyts noch im Knochenmark
oder Thymus reichlich Kontakt mit
der Außenwelt meldet, erkennt dieser Antigenrezeptor wahrscheinlich
Selbst, da Selbst sofort und reichlich vorhanden ist. Ein solcher Lymphozyt wird
durch sein eingebautes Steuerungssystem in Apoptose oder Anergie geführt,
da er autoreaktiv wäre.
Das
Aussortieren selbstreaktiver Zellen muss auf der T-Zell-Seite wahrscheinlich
stringenter erfolgen als auf der B-Zell-Seite, da B-Zellen in der
Regel ja noch T-Zell-Hilfe benötigen. Damit Selbst-reaktive
Thymozyten eliminiert werden können, ist es theoretisch notwendig,
möglichst viele Selbst-Antigene,
die sonst nur in einem peripheren Organ exprimiert werden, auch im
Thymus zu Demonstrationszwecken zu exprimieren. Dies geschieht tatsächlich;
und ein Ausfall eines solchen Mechanismus führt zu Autoimmunerkrankungen.
Der Transkriptionsfaktor AIRE (Auto-Immune
REgulator) bewirkt im Thymus die ektopische Expression von Proteinen,
die sonst nur spezifisch in spezialisierten Geweben vorkommen, wie
Insulin, Retina- oder ovarielle Proteine. Menschen, bei denen dieser
Transkriptionsfaktor defekt ist, entwickeln ein Autoimmunsyndrom,
das zur Zerstörung vieler Gewebe, z. B. der β-Zellen im Pankreas,
führt (autoimmune polyglandular
syndrome type 1 oder APECED: Autoimmune Poly-Endocrinopathy -Candidiasis-Ectodermal Dystrophy).
Unter
den Lymphozyten, die in die Peripherie entlassen wurden, sind manche
notwendigerweise grenzwertig autoreaktiv. Das gilt besonders für T-Zellen,
die ja gerade aufgrund einer Reaktionfähigkeit mit dem eigenen MHC
positiv selektioniert wurden.
Wahrscheinlichkeit 2: Treffen reife naive
T-Lymphozyten in der Peripherie auf ein Peptid, das ohne kostimulatorische
Signale präsentiert wird, handelt es sich wahrscheinlich um Selbst. Die entsprechenden Lymphozyten
werden tolerisiert, d. h., in einen Zustand peripherer Anergie geführt
oder, seltener, in Apoptose. Manche dieser T-Zellen werden auch zu
aktiven regulatorischen T-Zellen gemacht, einem Selbst-Peptid-spezifischen
Wachdienst, der potentielle Selbst-Revolutionäre
unter Kontrolle hält.
Umgekehrt
macht es eine gleichzeitige Aktivierung der nicht-adaptiven Abwehr
für T-Zellen, wahrscheinlich, dass es sich bei einem ihnen präsentierten
Molekül um "fremd/gefährlich" handelt. Dies wird der T-Zelle
durch B7-Moleküle auf über TLR aktivierten dendritischen Zellen und
Makrophagen gezeigt.
In
dendritischen Zellen gibt es anscheinend sogar einen speziellen Mechanismus,
der dafür sorgt, dass PAMP-assoziiertes Material in einen eigenen
endosomalen Verarbeitungsweg geschleust wird, der sich vom endosomalen
Verarbeitungsweg harmlosen Materials unterscheidet. Nur das PAMP-assoziierte
Material wird von TLR zu einem Fließband in Richtung MHC-II-tragende
Vesikel gesteuert. Material ohne PAMPs, das vermutlich Material von
Selbst darstellt, wird dagegen nur abgebaut, ohne irgendwo präsentiert
zu werden.
Bei
Impfungen nützen wir diese Kostimulator-abhängige Dichotomie zwischen
Immunisierung und Tolerisierung zu unserem Vorteil, indem wir durch
Adjuvantien die Expression von B7-Molekülen und inflammatorischen
Zytokinen in Makrophagen und dendritischen Zellen induzieren. Ohne
die Aktivierung von Antigen-präsentierenden Zellen entstünde Tolerisierung
statt einer kräftigen Immunantwort.
Die
Zuhilfenahme dieser beiden Wahrscheinlichkeiten die die Evolution
in unser Lymphozytensteuerungssystem eingebaut hat, stellt sicher
noch nicht das gesamte, "Regelwerk" dar, um zu tolerierende
Antigene auszuweisen. Weitere Mechanismen müssen geklärt werden. Die
regulatorischen T-Zellen spielen dabei eine noch zu wenig verstandene
Rolle in der Aufrechterhaltung der Selbst-Toleranz.
Strategie 2: ausblenden statt tolerieren
Nicht
alles "Selbst" wird dem Immunsystem gezeigt. In sogenannten
immunologisch privilegierten Zonen wird ein anderer Weg beschritten:
einerseits werden die dort exprimierten Antigene dem Immunsystem nicht
zur Kenntnis gebracht, andererseits wird es in diese Gebiete gar nicht
hineingelassen. Zu diesen Zonen gehören Auge, ZNS, Testis und in gewisser
Weise der Fetus. Ein Grund für die Existenz solcher Zonen könnte sein,
dass eine Immunreaktion in diesen Geweben mehr Schaden als Nutzen
zur Folge hätte.
Die
"Privilegierung" des Auges erlaubt es, Hornhauttransplantationen
durchzuführen, ohne auf HLA-idente Spender angewiesen zu sein. Andererseits
können schwerwiegende Folgen eintreten, wenn die Barriere der privilegierten
Zone einmal durchbrochen wurde. Eine Verletzung eines Auges bringt
Antigene mit dem Immunsystem in Kontakt, die vorher "unsichtbar"
waren. Die dadurch angeworfene Immunreaktion kann nicht nur das verletzte
Auge weiter schädigen, sondern in einer als "sympathische Ophthalmie"
bezeichneten Reaktion auf das gesunde Auge übergreifen.
Ähnlich
funktioniert ein Maus-Modell für Multiple Sklerose, die Experimentelle
Autoimmune Encephalomyelitis (EAE). Das Durchbrechen der Barriere
wird hier mit einer Immunisierung simuliert.
Eine Maus wird mit dem ZNS-Myelinscheidenprotein myelin basic protein (MBP) in komplettem
Freund'schen Adjuvans (CFA, bestehend aus Hitze-inaktivierten Mycobakterien
in Mineralöl) immunisiert. Einige
Zeit danach erfolgt eine Invasion des Hirngewebes durch MBP-spezifische
TH1-Zellen, die Lähmungserscheinungen der Maus zur Folge
hat. Die ursächliche Rolle der TH1-Zellen läßt sich dadurch
demonstrieren, dass ein Transfer dieser Effektorzellen in eine gesunde,
MHC-idente Maus wieder zur Paralyse führt.
Modell für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung
Ein
Modell für die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen sieht als Ausgangspunkt
eine Unvollkommenheit in der Entwicklung der Selbst-Toleranz
oder Ausblendung. Dieser Fehler kann durch genetische Faktoren erleichtert
werden: durch die Form des Peptid-Bindungsspalts eines bestimmten
MHC-Moleküls kann beim einen Individuum ein bestimmtes Peptid gebunden
oder eben nicht gebunden werden, während das bei einem anderen Individuum
umgekehrt ist. Unvollkommenheiten oder Fehler entstehen notwendigerweise
dadurch, dass durch Umwelteinflüsse die Wahrscheinlichkeiten, die
der Toleranzentwicklung zu Grunde liegen, nicht in jeder Situation
zutreffen. So kann eine durch eine Infektion ausgelöste Aktivierung
kostimulatorischer Signale in einem Entzündungsgebiet dazu führen,
dass nicht nur Antigene des infektiösen Agens, sondern auch Selbst-Antigene
des entzündeten Areals plötzlich als fremd interpretiert werden: eine
Art Adjuvanswirkung der Infektion zur Immunisierung gegen "Selbst".
Von vielen Patienten mit Autoimmunerkrankungen wird eine Infektion
als Ausgangspunkt ihrer Erkrankung beschrieben.
Ein
Beispiel, wie die gewöhnlich tolerisierende Wirkung eines Selbst-Moleküls,
z. B. in Herz oder Synovia, durch einen Umwelteinfluss durchbrochen
werden kann, ist das Akute Rheumatische Fieber. Eine Infektion mit
β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A , z. B. eine Streptokokken-Angina,
aktiviert dendritische Zellen und Makrophagen, die ihrerseits T-Zellen
aktivieren. B-Zellen mit grenzwertig autoreaktiven B-Zellrezeptoren,
die sonst in der Peripherie anergisiert werden, bekommen nun T-Zell-Hilfe,
speziell bei Patienten mit gewissen HLA-Allelelen, z. B. HLA-DR7 (alte
Nomenklatur). Von den Antikörpern, die nun durch die Infektion produziert
werden, binden manche das M-Protein der Streptokokkenzellwand, andere
das N-acetylglucosamin-Epitop des Gruppe-A Kohlehydrat-Antigens. Jedoch
sind diese Antikörper gleichzeitig autoreaktiv: sie binden cardiales
Myosin und andere α-helicale Proteine, Laminin und Antigene auf
Herzklappenendothel und Synoviozyten. Mit anderen Worten, diese Antikörper
sind kreuzreaktiv; die von ihnen gebundenen Antigene zeigen molecular mimicry (ähnliche 3-D-Strukturen).
In einer Typ II-Überempfindlichkeitsreaktion werden Endothelzellen
auf Herzklappen, Herzmyozyten und Synoviozyten getötet; das führt
zu kardialen Symptomen und Gelenksentzündungen.
Während
eine Immunantwort gegen eine Infektion durch die Elimination des infektiösen
Agens begrenzt ist, sind Autoantigene natürlich nicht eliminierbar.
Autoimmunphänomene zeigen daher oft das Bild einer chronischen Entzündung,
bei der Gewebszerstörung zur verstärkten Freisetzung des auslösenden
Antigens und damit zur Perpetuierung der Erkrankung führt. Die damit
verbundenen proinflammatorischen Zytokine und kostimulatorischen Oberfächenmoleküle
erhöhen die Chance einer Ausweitung der Autoimmunreaktionen gegen
weiterer Epitope (epitope spreading).
5.3 Transplantatabstoßung
Die Transplantation von Organen oder Gewebe von einem
Individuum auf das andere ist von der Natur nicht vorgesehen. In diesem
Fall erweist sich der Polymorphismus des MHC, der in der Evolution
offensichtlich von Vorteil war, als äußerst hinderlich. Außer bei
einer Transplantation zwischen Geschwistern ist es praktisch unmöglich,
ein Spenderorgan mit identischem MHC zu finden. Stehen Organe zur
Verfügung, sucht man in den Wartelisten die Empfänger mit der besten
MHC-Übereinstimmung; doch diese ist eben nur partiell.
Unser Repertoir von T-Zellen ist im Thymus durch Selektion
auf unseren individuellen MHC abgestimmt worden. Nur T-Zellen, die
unseren eigenen MHC prinzipiell erkennen können, sind uns von Nutzen.
Was aber geschieht, wenn plötzlich ein Organ mit fremdem MHC in unserem
Organismus auftaucht? Intuitiv würde man vielleicht annehmen, dass
dieser fremde MHC von unseren T-Zellen nicht erkannt werden kann.
Das trifft auch für den Großteil, etwa 90%, unserer T-Zellen zu, doch
eben nicht für die restlichen 10%. In der Evolution hat dauernder
Selektionsdruck bewirkt, dass die humanen T-Zell-Rezeptor-Gensegmente
prinzipiell geeignete Bausteine darstellen, um humanen MHC zu erkennen.
Natürlich erkennt ein fertiger T-Zell-Rezeptor nicht alle allelischen
MHC-Varianten, aber auch nicht nur eine einzige, sondern eine Zahl,
die zwischen diesen beiden Extremen liegt. Etwa 10% unserer T-Zellen
verhalten sich daher gegenüber einem beliebigen fremden MHC jeweils
alloreaktiv, d. h., sie erkennen diesen fremden MHC so, dass die betroffenen
T-Zellen zur klonalen Expansion und zur Effektorzellbildung aktiviert
werden. Diese Aktivierung kann abhängig vom präsentierten Peptid sein;
meist reicht aber das fremde MHC-Molekül für sich bereits hin, um
den T-Zell-Rezeptor zu stimulieren: in diesem Fall ist es egal, welches
Peptid sich darin befindet.
Jedes transplantierte Organ enthält professionelle Antigen-präsentierende
Zellen, dendritische Zellen, die das Transplantat verlassen und in
die lokalen Lymphknoten auswandern. Dort stimulieren sie durch ihren
"falschen MHC" einen Teil der durch den Lymphknoten durchwandernden
T-Lymphozyten des Empfängers. Die Folgen dieser T-Zell-Stimulierung
entsprechen den normalen, bereits besprochenen Immunreaktionsformen,
die durch die drei hauptsächlichen T-Zell-Typen bestimmt werden:
·
CD8-T-Zellen werden nach klonaler Expansion
zu zytotoxischen Effektorzellen, die ins Transplantat einwandern und
beginnen, die Parenchymzellen systematisch abzutöten. Dieser Mechanismus
steht bei der sogenannten akuten Abstoßungsreaktion innerhalb der
ersten Wochen im Vordergrund.
·
Die chronische Abstoßungreaktion ist
gefäßzentriert; man schreibt sie eher den CD4-T-Zellen zu. CD4-T-Effektorzellen
vom TH1-Typ wandern in die Gefäßwände ein und stimulieren
dort Makrophagen und Endothel. Weitere Monozyten wandern ein und differenzieren
zu Makrophagen, die TNF-α und IL-1β sezernieren. Es entsteht
eine chronische Entzündung der Gefäßwand, die durch Fibrosierung und
Vernarbung allmählich zu einer Verengung führt.
·
Dazu tragen auch CD4-T-Zellen bei,
die zu TH2-Zellen stimuliert werden. Sie leisten die benötigte
T-Zell-Hilfe für die Produktion von Antikörpern gegen Transplantatantigene.
Diese Antikörper richten sich beispielsweise wieder gegen die fremden
MHC-Moleküle, da die entsprechenden B-Zellen ja nicht durch klonale
Deletion im Knochenmark des Empfängers entfernt werden konnten. Da
diese Antikörper mit dem Blut ins Transplantat gelangen, binden sie
in erster Linie ans Endothel des Transplantats. Die Summe dieser Mechanismen
erscheint als beschleunigte Arteriosklerose der Transplantatgefäße.
Durch die Zerstörung der Blutgefäße wird das Transplantat langsam
"erdrosselt".
Heute kaum mehr vorkommen sollte die sogenannte perakute
Transplantatabstoßung, die auf Antikörper zurückzuführen ist, die
zum Zeitpunkt der Transplantation bereits vorhanden sind. Das können
zum Beispiel Antikörper gegen Antigene des AB0-Systems sein, da diese
nicht nur auf roten Blutkörperchen, sondern auch auf Endothelzellen
und anderen Zellen exprimiert werden. Es können auch Antikörper gegen
MHC-Moleküle (hauptsächlich Klasse I, also HLA-A, -B, C) vorhanden
sein, wenn der Empfänger diese MHC-Typen, z. B. durch frühere Bluttransfusionen,
bereits "gesehen" hat. Falls solche präformierten Antikörper vorhanden
sind, reagieren sie sofort massiv mit dem Endothel der Transplantatgefäße
und aktivieren Komplementsystem und Blutgerinnung. Die Gefäße werden
verstopft, rascher am venösen Schenkel, und das transplantierte Organ
stirbt innerhalb von Minuten durch hämorrhagische Infarzierung. Durch
AB0-Abgleichung und Kreuzprobe zwischen Empfängerserum und Spenderleukozyten
sind perakute Abstoßungsreaktionen meist vermeidbar.
Doch die Immunologie der Transplantation ist noch komplexer.
Neben dem MHC (major histocompatibility
complex) tragen auch in anderen Loci des Genoms kodierte Polymorphismen
zur Transplantatabstoßung bei: man nennt diese minor histocompatibility genes. Nur eine
Minderheit von ihnen ist im Detail bekannt. In großen Familien kommt
es regelmäßig vor, dass HLA-idente Geschwister vorhanden sind, da
Geschwister eine 1:4-Chance haben, dieselben MHC-Allele von Mutter
und Vater zu erben. Auch bei einer Organspende zwischen solchen Geschwistern
treten Abstoßungsreaktionen auf. Die Polymorphismen der minor
histocompatibility-Gene (auf vielen anderen Genloci als dem MHC
haben die beiden Geschwister ja unterschiedliches Genmaterial geerbt)
führen dazu, dass die Transplantatzellen Proteine mit geringfügigen
Unterschieden zu denen des Empfängers synthetisieren. Dadurch werden
auch veränderte Peptide in den sonst identischen MHC-Molekülen präsentiert.
Gegen diese Peptide reaktive T-Zellen sind im Thymus des Empfängers
natürlich nicht durch negative Selektion eliminiert worden. Die Immunreaktion
gleicht damit der einer Virusabwehr, mit dem Unterschied, dass im
Rahmen der Virusabwehr nur infizierte Zellen abgetötet werden, während
im Transplantat natürlich alle Zellen die veränderten Peptide präsentieren,
wenn auch wahrscheinlich meist in weit geringeren Konzentrationen.
Bei den häufigen Organtransplantationen mit nur teilweise
übereinstimmendem MHC überlagern sich Immunantworten gegen MHC mit
solchen, die gegen minor histocompatibility
gene-kodierten Unterschieden gerichtet sind.
Aus diesen Gründen ist es unerläßlich, das Immunsystem
von Transplantatempfängern dauerhaft zu supprimieren. Das geschieht
in erster Linie mit T-Zell-hemmenden Pharmaka wie Ciclosporin A oder
Tacrolimus, häufig in Kombination mit Proliferationshemmern wie Azathioprin
oder Glukokortikoiden wie Prednison. Das bedingt selbstverständlich
eine hohe Gefährdung durch Infektionen, am ausgeprägtesten in der
ersten Phase nach der Transplantation, in der diese Immunsuppressiva
am höchsten dosiert werden müssen. Weitere Nebenwirkungen der Medikamente
erschweren die Behandlung: Ciclosporin A hat eine gewisse Toxizität
für viele Zelltypen, besonders für die Niere. Für den Arzt ergibt
sich also bei Funktionseinschränkungen der transplantierten Niere
das Dilemma: Abstoßungsreaktion oder Ciclosporin A-Toxizität? Im einen
Fall muß die Zyklosporin A-Dosis erhöht, im anderen Fall gesenkt werden.
Transplantate sind also leider keine Lösung "für immer":
die mediane Überlebenszeit einer transplantierten Niere beträgt etwa
acht Jahre.
Spezielle Bedingungen herrschen im Fall der Knochenmarktransplantation.
Eine solche wird zur Behandlung mancher Leukämien, Lymphome und zunehmend
weiterer Neoplasien angewendet, sowie zur Behandlung mancher genetisch
bedingter Stammzellerkrankungen wie schwerer Formen der Thalassämie.
Man unterscheidet autologe Stammzelltransplantationen, bei denen einem Individuum zunächst Stammzellen entnommen und
nach einer intensiven Tumortherapie zur Wiederbesiedlung des Knochenmarks
zurückgegeben werden, von einer allogenen Knochenmarktransplantation,
bei der die Stammzellen von einem gesunden Spender auf den Patienten
übertragen werden. Diese Form der Transplantation bedeutet, dass das
Immunsystem mit all seinen Zelltypen auf ein anderes Individuum verplanzt
wird. Wenn alles gut geht, werden die neu aus den Stammzellen entstehenden
Zellen über die normalen Mechanismen in Knochenmark und Thymus an
die neue genetische Umgebung abgestimmt und damit tolerisiert. Manchmal
ergibt sich allerdings eine generalisierte Immunreaktion gegen das
Gewebe des Empfängers, die als graft-versus-host disease bezeichnet wird.
Diese lebensbedrohliche Erkrankung manifestiert sich in erster Linie
in Haut, Magen-Darm-Trakt und Leber.
Die Reaktivität eines transplantierten Immunsystems gegen
Empfängerzellen hat manchmal auch positive Auswirkungen. Ein Teil
des therapeutischen Effekts einer allogenen Knochenmarktransplantation
bei Leukämien beruht darauf, dass Zellen des transplantierten Immunsystems
Leukämiezellen an exprimierten minor histocompatibility- oder Tumor-spezifischen
Antigenen erkennen und abtöten. Dies wird als graft-versus-leukemia-Effekt bezeichnet.
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Helmberg
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QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
Murphy, K. et al.:
Janeway's Immunobiology, 7th Ed. (English), Garland Publishing 2008
Murphy, K. et al.: Janeway Immunologie, 7. Auflage (Deutsch), Spektrum
Akademischer Verlag, 2009
Kumar V. et al. (eds.): Robbins and Cotran Pathologic Basis of Disease,
8th Edition, Saunders, Philadelphia, 2009
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